Minister scharf auf Möpse

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Weiße Porzellanhunde im Doppelpack ersteigerte sich Justizminister und stellvertretender Ministerpräsident Jörg-Uwe Hahn in Begleitung von Oberstaatsanwältin Annette von Schmiedeberg und Gerichtspräsidentin Elisabeth Fritz.

Offenbach - Er kommt nicht alle Tage vorbei. Und so griff Justizminister Jörg-Uwe Hahn bei der Asservaten-Versteigerung  im Amtsgericht beherzt zu, während die Besucher zum Tag der offenen Justiz hinter den Vorhang blickten – und ins Büro von Gerichtspräsidentin Elisabeth Fritz. Von Fabian El Cheikh

Zahnbürsten, hoffentlich unbenutzt, Lesebrille, unbekannte Sehstärke, Männerparfüm, teils geöffnet, Fußluftpumpe, unverwüstbar, Fahrräder, brauchbar, und Hemden, altmodischer Stil – der große Verhandlungssaal im alten Gebäude des Amtsgerichts an der Kaiserstraße ist zum Flohmarkt geworden. Unter den Augen der Justiz ist auf mehreren Tischen ausgebreitet, was Staatsanwälte so alles bei Wohnungsdurchsuchungen über Jahre sichergestellt haben. Diebesgut zumeist, das nie mehr den Weg zum rechtmäßigen Eigentümer zurückfand. Heute wird’s versteigert.

Gerichtsvollzieher Thomas Landgraf gibt sich alle Mühe. Wie wäre es mit einem Kugelschreiber von Montblanc? Der Auktionator wiederholt den Markennamen. „Schön, leider mit Werbeaufdruck, aber wen das nicht stört, den bitte ich um ein Gebot.“ – „Ein Euro“, ruft’s aus hinterer Reihe. „Nur nicht so geizig“, animiert Landgraf, „wer bietet fünf?“ Fünf Euro zum Ersten, zum Zweiten, sechs Euro, sieben, acht zum Ersten, zum Zweiten, „zum Dritten an den Herrn neben dem Geizigen“. Duschgel, teure Markenqualität, und ein Bartschneider, offensichtlich gebraucht, wechseln den Besitzer, sogar eine Deutschlandfahne, einfach zeitlos. Außerdem 29 Packungen Kaffee, noch haltbar, in drei Tranchen. „15 Euro zum Dritten an den Herren in der ersten Reihe.“ – „Scheiße“, rutscht es dem heraus, bevor er etwas widerwillig Geld aus dem Portemonnaie kramt.

Dann öffnet sich die Tür, fast unbemerkt mischt sich hoher Besuch unters gemeine Bietervolk. Jetzt, in Anwesenheit von Justizminister Jörg-Uwe Hahn, darf’s ein wenig glamouröser sein. Thomas Landgraf zieht das Wertvollste auf seinen Tischen hervor, eine Unze Gold in Form einer Münze, in schmuddeliger Plastikhülle. Wert: 1350 Euro. Startgebot: 1300 Euro. Interesse: null.

Nazi-Richter in der Fotogalerie

Dann eben etwas Volksnäheres. Wie wär’s mit Kitsch? Der Auktionator hält zwei weiße, handliche Porzellanhunde in die Höhe. „Möpse“, ruft jemand aus dem Bieterkreis. „So darf ich sie nicht nennen, wurde mir gesagt“, entgegnet Thomas Landgraf lachend. Die Hände schießen in die Höhe, Hunde ziehen immer. Acht Euro zum Ersten, zum Zweiten, „wer bietet mehr?“ – „Neun Euro“, ruft Jörg-Uwe Hahn, nach langer Zurückhaltung. Nicht dass der Eindruck entstünde, der Minister wolle dem Volke etwas wegnehmen. Doch Kitsch kommt bei ihm offenbar gut an. „Für zwei meiner Mitarbeiter“, erklärt er sich. Wir wollen es mal glauben. „Neun Euro für die Porzellanhunde“, schließt der Auktionator die Runde. „Mööööpse“, korrigiert ihn der Käufer mit lauter Stimme, bevor er sich zum Gespräch mit Gerichtspräsidentin Elisabeth Fritz in die Verwaltungsräume zurückzieht.

Weiße Möpse für den Minister.

In die darf auch die kleine Besuchergruppe bei einer Führung durch das Gerichtszentrum einen Blick werfen. Der Fritzsche Amtsbalkon kommt gut an, ebenso die geschmackvolle Bebilderung des Präsidentenbüros. In der Ahnengalerie nebenan wird irgendwann auch das Porträt von Elisabeth Fritz hängen.
Bislang sind dort nur die Schwarz-Weiß-Fotografien ihrer allesamt männlichen Vorgänger zu sehen. Beginnend mit Karl Landmann (Präsident von 1914 bis 1924) bis zu Fritz’ Vorgänger Dr. Albrecht Schneider (2006 bis 2008). Auch jene Vorsitzenden aus der NS-Zeit haben ihren Platz gefunden. „Wir müssen uns auch unserer dunklen Vergangenheit stellen“, erläutert die heutige Präsidentin sympathisch lächelnd.

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