Ein Kämmerer bleibt uns

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Beliebter Kämmerer: Karl Wicklaus musste den Dienst quittieren,  da er den Doktortitel zu Unrecht führte.

Offenbach - Eine leere Kasse braucht keinen Verwalter. So etwa sieht es der Stammtisch. Aber nicht deshalb sind die Rathauspolitiker überein gekommen, die im Herbst frei werdende Stelle von Stadtkämmerer Michael Beseler nicht mehr zu besetzen. Von Lothar R. Braun

Sein Finanzdezernat soll ja nicht aufgelöst, es soll nur dem Oberbürgermeister unterstellt werden, der sich dann auch Stadtkämmerer nennen kann. So war es vor 2006 auch schon bei Oberbürgermeister Gerhard Grandke der Fall.

Wenn so verfahren wird, kann Oberbürgermeister Horst Schneider zusätzlich eine Amtsbezeichnung führen, die in uralten Zeiten wurzelt. Kämmerer hieß der Beamte, der am fürstlichen Hof den Schlüssel zur Schatzkammer verwahrte. Das Heilige Römische Reich kannte bis 1806 sogar den hohen Rang eines „Erzkämmerers“. Dem oblag es, bei Königskrönungen, etwa in Frankfurt, dem gewählten neuen Herrn das Reichszepter voranzutragen. Und beim Krönungsmahl durfte er als der Mächtigste am Hof dem Herrscher Wasser und Tuch zum Händewaschen reichen.

Kämmerer nimmt eine Sonderstellung ein

Ähnliches wird vom modernen Stadtkämmerer nicht verlangt. Doch auch in der Hessischen Gemeindeordnung nimmt der Kämmerer unter den Beigeordneten hinter Oberbürgermeister und Bürgermeister eine Sonderstellung ein. Ihr Paragraf 45 formuliert das so: „In Städten führen der mit der Verwaltung des Finanzwesens beauftragte hauptamtliche Beigeordnete die Bezeichnung Stadtkämmerer, die übrigen Beigeordneten die Bezeichnung Stadtrat. Der Bezeichnung Stadtrat kann ein das Arbeitsgebiet kennzeichnender Zusatz (Stadtschulrat, Stadtbaurat usw.) beigefügt werden.“

Wie in jeder Regierung hat auch hier der „Finanzminister“ ein etwas größeres Gewicht. Der erste in den Offenbacher Nachkriegsmagistraten war der parteilose Karl Wicklaus, der bis heute als ein außerordentlich fähiger Kämmerer in Erinnerung ist. Es hatte denn auch alle Elemente einer Sensation, als er 1963 beschuldigt wurde, in Frankfurter Antiquariaten beim Erwerb wertvoller Bücher das Bezahlen vergessen zu haben. Noch höher schlugen die Wellen, als im Lauf der Ermittlungen entdeckt wurde, dass er seinen Doktortitel ohne Berechtigung führte. Gleichwohl blieben ihm in der Stadt viele Sympathien erhalten.

Michael Beseler seit 2006 im Amt

Sein Nachfolger war Rudolf Brecht (SPD). Ihm folgte 1977 Axel Lüdersen (SPD), der spätere Geschäftsführer der neu gegründeten EVO. Die Lücke, die er im Finanzdezernat hinterließ, füllte dann Bürgermeister und Stadtkämmerer Josef Petermann (CDU) aus.

Nach ihm amtierte in den 80er Jahren die Sozialdemokratin Inge Vittoria als Stadtkämmerin, gefolgt von Stadtkämmerer Gerhard Grandke, der das Finanzdezernat auch als Oberbürgermeister behielt. Als Kämmerer löste ihn 2006 Michael Beseler (SPD) ab, der den Ruhestand einer erneuten Kandidatur vorzieht.

Amtsbezeichnung Stadtbaurat verschwunden

Schon früher ist aus dem Magistrat die Amtsbezeichnung Stadtbaurat verschwunden. Der letzte mit diesem Titel war seit 1980 Klaus Bodensohn (CDU), der später auch als Bürgermeister amtierte. Gewissermaßen sein Urahn war seit 1950 der legendäre spätere Hochschullehrer Adolf Bayer. Ihm folgten die Sozialdemokraten Karl Becker, Wilhelm von Wangenheim, Winfried Kaib und 1979 der Christdemokrat Reinhard Stern, den es freilich nur wenige Monate in Offenbach hielt.

Nur mit einem einzigen Amtsinhaber erscheint in der Geschichte des Magistrats ein Stadtrechtsrat. In den 60er Jahren war das der Jurist Dr. Georg Lindner (CDU). Er amtierte in einem vom sozialdemokratischen Oberbürgermeister Georg Dietrich geführten Magistrat.

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