Bahndamm an der Marienstraße

Kahlschlag für Parkplatz

+
Auf dem Bahndamm (hier Blick in Richtung Hauptbahnhof) wird mit schwerem Gerät gearbeitet. So entstehen gut ein Dutzend Stellplätze.

Offenbach - Die Bahn macht, was sie will. So lässt sich kurz zusammenfassen, wie’s die geneigte Leserin sieht. Im aktuellen Fall betrifft das den Bahndamm an der Marienstraße 105. Von Martin Kuhn 

Hinter dem Gebäude, ehemals Sitz der Baustoffprüfstelle der Bundesbahndirektion, „wird alles kleingemacht, was dort wächst – inklusive Bäume“. Wieder einmal wisse keiner, was hinter den Arbeiten stecke. „Liegen Ihnen Informationen vor?“ Nach der Recherche dürfte sie enttäuscht sein, zumal die Bahn nicht vorrangig Schuld ist am Kahlschlag. Formal ist alles in Ordnung.

Das Unbehagen der Offenbacherin ist wohl begründet in einer gut 25 Jahre alten Geschichte.  Geklagt wurde seinerzeit vor dem Hessischen Verwaltungsgerichtshof gegen Planung, Bau und Betrieb einer 110-kV-Freileitung über einer vorhandenen 15-kV-Oberleitung auf dem Bahndamm, wo sie sich Wohngebäuden bis auf einen geringsten Abstand von 18 Meter nähert. Diese Klage scheiterte ebenso wie das lokale Ansinnen, stattdessen ein Erdkabel zu verlegen. Seitdem blicken Offenbacher durchaus genauer hin, wenn auf Bahnarealen gearbeitet, beziehungsweise gerodet wird.

„Soziale, kulturelle und religiöse Angebote“

Entlang der Marienstraße ist’s etwas verzwickt. Das Gebäude hat nach eigenem Bekunden der Offenbacher Bildungs- und Kulturverein vor vier Jahren gekauft. In ihm haben sich Türken zusammengeschlossen, die als Gastarbeiter in den 1970er Jahren nach Deutschland gekommen sind. Heute zählt der Verein gut 80 Mitglieder und unterbreitet „soziale, kulturelle und religiöse Angebote“, sagt Yasin Özcan. Zu den Aktivitäten zählen Lehre und Wahrung islamischer Werte.

Heißt: Wo ehemals Bahner Baustoffe prüften, wird heute gelehrt. Die Nutzungsänderung führt im weiten Feld der Bausatzung dazu, dass eine bestimmte Zahl an Stellplätzen nachzuweisen ist. Und eben diese baut der Verein aktuell auf dem Bahndamm. „Aber so viel Fläche hätten wir eigentlich gar nicht gebraucht.“ Die alte Mauer an der Marienstraße ist seit Monaten an einer Stelle geöffnet und eine Rampe als Auffahrt errichtet – bislang behelfsmäßig. Nun sind unter anderem Betonteile im Damm aufgestellt, um das Abrutschen des Erdreichs zu verhindern. Auf dem sehr weitläufigen Bahndamm selbst ist auf ungefähr 6000 Quadratmeter alles eingeebnet. Dafür hat die Stadt Offenbach eine Baugenehmigung erteilt.

Kastanien auf dem Wilhelmsplatz gefällt

Kastanien auf dem Wilhelmsplatz gefällt

„Das Gelände gehört aber weiterhin der Bahn“, betont ein Konzern-Sprecher. Mit dem Verein sei ein Gestattungsvertrag geschlossen, es „auf Dauer unter Auflagen zu nutzen“. Erlaubt sind „12 bis 13 Stellplätze“, die restliche Arrondierungsfläche ist zu begrünen. Als Abgrenzung zur Fernbahnlinie Frankfurt- Bebra ist ein zwei Meter hoher Zaun zu stellen, die Zuwegung zu Bahneinrichtungen freizuhalten.

Somit erfährt der an dieser Stelle gut 60 Meter breite Damm eine gänzlich neue Nutzung – als Parkplatz. Das passt irgendwie in die Historie. Erst die Höherlegung des Gleiskörpers von 1912 bis 1926 ermöglichte durch die Tunnel im Bahndamm den kreuzungsfreien Verkehr zwischen Innenstadt und den schnellwachsenden südlichen Stadtteilen Offenbachs.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare