Kahlschlag auf Schulhof

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23 Bomben wurden bisher auf dem Areal an Beethoven-, Richard-Wagner- und Schubertstraße entdeckt. Blaue Markierungen zeigen die Funde im Jahr 2011, rote die von 2012. Rot gefärbt ist in etwa die Fläche, die der Neubau einnimmt, blau die der neuen Turnhalle.

Offenbach - Die Nachricht machte, kaum im Ausschuss verkündet, als Katastrophenmeldung in der Schulgemeinde die Runde: Kein einziger der 21 Bäume auf dem Gelände der Beethovenschule wird die Neubaumaßnahme überleben. Von Thomas Kirstein

Weil der begründete Verdacht besteht, dass sich im Untergrund weitere Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg verbergen, genehmigt die Stadt intensive Sondierungen, denen die Wurzeln im Weg sind. In den Sommerferien kommt der Kahlschlag.

Bei der Initiative Beethovenschule, die sich besonders gegen den einmal geplanten Verkauf von Teilen des Schulhofs und für die Erhaltung der Bäume formierte, ist die Notwendigkeit der Fällaktion noch nicht akzeptiert. Sprecher Günther Eufinger mahnt weitere Informationen an. „Wir fragen uns: Wo nicht ins Erdreich eingegriffen wird, warum wird dort gefällt? Muss da überhaupt untersucht werden?“ Heute wird ab 10 Uhr beim Flohmarkt der Schule diskutiert, unter anderem über die These der Initiative, die Bombenräumung sei nur wegen besserer Vermarktung von Geländeteilen dringlich.

„Das tut uns in der Seele weh“

Dem Bau-, Planungs- und Umweltausschuss hat Oberbürgermeister Horst Schneider die Hiobsbotschaft am Donnerstagabend übermittelt. „Das tut uns in der Seele weh, das ist eine Katastrophe für jeden, der das Gelände kennt“, sagte der Vorsitzende und designierte künftige Bürgermeister Peter Schneider. Nicht nur für den Grünen ein Treppenwitz: Der Ersatzbau für die marode Beethovenschule wurde extra um einen herrlichen alten Baum herumgeplant. Auch der wird fallen.

Bei den bisherigen Arbeiten und Untersuchungen gab es in der Baugrube und auf der neuen Schulhoffläche 23 Munitionsfunde. In 30 bis 50 Zentimeter Tiefe lagen Flüssigkeits- und Stabbrandbomben, eine davon mit noch funktionstüchtigem Zünder, dessen Detonation die Wirkung einer Handgranate hätte haben können. OB Schneider versicherte dem Ausschuss und schriftlich der Elternvertretung, dass die Stadt in den vergangenen Wochen viele Alternativen geprüft und den Rat des Kampfmittelräumdienstes beim Regierungspräsidenten eingeholt habe: „Der Rat ist eindeutig. Wir haben uns entschieden, mögliche Risiken für Erwachsene und Kinder auszuschließen.“

Bäume auf dem Areal schützen

Alle Planungen für den als privat-öffentliches Projekt vom Partner Hochtief verantworteten Neubau sollten die Bäume auf dem Areal schützen. Eine mögliche Kampfmittelbelastung sei vom ersten Tag an in die Überlegungen einbezogen worden, erklärt der OB. Wie Luftbilder zeigen, sind im Weltkrieg dort viele Bomben niedergegangen. Ende der 40er Jahre wurde das Grundstück mit Kriegsschutt verfüllt, darauf sind die Bäume gewachsen.

Im Frühjahr zerschlug sich die Hoffnung, dass auf kontrollierten Flächen keine Kampfmittel gefunden würden, womit das Restrisiko überschaubar und zugunsten der Baumerhaltung eingegangen werden könnte. Die Experten gehen davon aus, dass nicht alle Bomben entdeckt sind. Unter dem Wurzelgeflecht der Bäume ist die Suche jedoch weder von Hand noch mit Sonden und Detektoren möglich.

„Vielzahl von explosionsgefährdeten Gegenständen“

Die „Vielzahl von explosionsgefährdeten Gegenständen“, so Horst Schneider, zwinge die Stadt zur Änderung der ursprünglichen Ziele. Um jedes Gefährdungsrisiko für Schüler, Lehrer und Passanten auszuschließen, müsse die Fläche unter den Bäumen freigelegt werden. Das Regierungspräsidium stimmt der Fällung wegen der unkalkulierbaren Gefahren zu: „Ein Risiko besteht besonders dann, wenn Bäume wegen einer nicht offensichtlichen Erkrankung, eines Blitzschlags oder eines Sturms entwurzelt werden.“

Das Amt für Umwelt, Energie und Mobilität erteilte die naturschutzrechtliche Genehmigung. Auflage ist die Neupflanzung von Bäumen zum Ausgleich. Diese soll möglichst nahe der Beethovenschule erfolgen. Die Stadt hat ihre Bemühungen um die Baumerhaltung im Internet dokumentiert. Eine Chronologie gibt es unter www.offenbach.de.

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