Reisebüro statt Rotlicht

Monopoly am Kaiserlei

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Das bunte frühere Bordell an der Kaiserleistraße hat einen neuen, seriösen Besitzer gefunden, ebenso das alte Wetterdienstgebäude dahinter.

Offenbach - „Die Geheimnisse der Menschen“ steht in schwarzen Lettern auf der rosa bemalten Fassade geschrieben. Ganz so geheim ist indes nicht gewesen, was Mensch, genauer Mann, hinter diesen Mauern so getrieben hat. Von Fabian El Cheikh

Von Anfang an war das farbenfroh angestrichene Gebäude an der Kaiserleistraße, schräg gegenüber der stark frequentierten Shell-Tankstelle, als solches bekannt, wofür es einst auch mit großem, der Straße zugewandten Plakat beworben wurde: als Adresse für den schnellen Sex.

Offenbachs erstes richtiges Bordell hat Geschichte geschrieben. Wenngleich die eigene Geschichte wohl im Gegensatz zur Aktivität manches Besuchers nicht von großer Ausdauer geprägt war. Vor fast genau fünf Jahren eröffnet, empfingen die Dirnen in den 20 Zimmern des Laufhauses ihre Freier nur einige wenige Wochen lang. Dann verstrickten sich die zwielichtigen Betreiber aus der Frankfurter, Kölner und Stuttgarter Unterwelt in undurchsichtige Streitigkeiten. Es folgte die Insolvenz.

Das Rotlicht ist erloschen

Schon lange sind die leichten Mädels verschwunden, ist das Rotlicht erloschen. Und soll auch nicht mehr angeknipst werden. Das bestätigt der Makler der Immobilie, der im Auftrag des früheren Besitzers das etwa 1000 Quadratmeter große Grundstück mitsamt dreigeschossigem Haus verkauft hat. „Wir konnten die Zwangsversteigerung des hoch belasteten Objekts verhindern“, berichtet Thorsten Scheele.

Vier verschiedene Gläubiger hätten dem Verkäufer im Nacken gesessen. Dieser habe die Immobilie ursprünglich als Anlageobjekt übernommen, jedoch – wie aus anonymen Quellen zu hören ist – das Risiko, sich mit unseriösen Geschäftspartnern abzugeben, völlig unterschätzt. Er soll sich Feinde gemacht haben, von regelrechten Bandenkriegen ist die Rede, von Strohmännern, wechselnden Besitzern und unbezahlten Rechnungen. Nach außen hin wurde offenbar der Schein des Geordneten gewahrt. So können sich weder die Offenbacher Polizei noch das Ordnungsamt an „besondere Auffälligkeiten“ während der Betriebszeit erinnern.

Drei Jahre stand das Objekt leer

Drei Jahre stand das Objekt leer, mehrfach wurde eingebrochen, wohnten Obdachlose im Keller, wurden Schrottfahrzeuge auf dem dazugehörigen Parkplatz illegal entsorgt. Eine Brache inmitten des Büroviertels am Kaiserlei. Das soll sich ändern. Wie Helmut Reinhardt von der Offenbacher Bauaufsicht bestätigt, ist die Genehmigung für einen Rotlichtbetrieb an dieser Stelle erloschen. „Die Baugenehmigung wurde nicht mehr verlängert.“

Immobilienmakler Thorsten Scheele spricht von einem Versäumnis des früheren Besitzers – als er den Auftrag zum Verkauf erhielt, sei die Genehmigung für ein Laufhaus noch vorhanden gewesen. So aber haben sich Befürchtungen zerschlagen, ein neuer Bordellbetreiber könne das Anwesen übernehmen. Auch Betreiber von Spielhallen hätten kein Interesse gezeigt. Die Immobilie sei zu klein.

Russischer Geschäftsmann hat Gebäude übernommen

Stattdessen soll Seriosität einkehren. Wie unsere Zeitung erfuhr, hat ein russischer Geschäftsmann aus Offenbach Grundstück und Gebäude übernommen. Im Erdgeschoss will er ein Reisebüro betreiben, in den oberen Etagen sollen Büroräume, womöglich für russische Handelsfirmen, entstehen. Die Sanierung laufe bereits.

Für Jürgen Amberger von der städtischen Wirtschaftsförderung ist das ein weiteres Signal für den Aufbruch im Kaiserleiviertel. „Der Bau der Mainbrücke ist ein Zeichen dafür, dass der Stadtteil näher an Frankfurt rückt.“ Hilfreich bei der Suche nach Investoren sei die Absichtserklärung beider Städte, den Kreisel umzubauen und den Standort für neues Gewerbe zu entwickeln. „Die Flächenbesitzer dort haben großes Interesse, ihre Grundstücke zu vermarkten.“

Noch kein Spatenstich erfolgt

Sichtbar ist der Aufbruch längst nicht, noch ist kein Spatenstich erfolgt. Bis dahin werden wohl zwei bis drei Jahre ins Land gehen. Mindestens, prognostiziert Amberger. „Projektplanungen benötigen eine lange Vorlaufzeit. Heutzutage baut keiner mehr Luftschlösser.“ Aber immerhin: Hinter den Kulissen gebe es bereits sehr viele Gespräche mit Investoren. „Trotz der Finanzkrise herrscht weiterhin stabile Nachfrage, schwanken die Immobilienpreise nur gering.“

Wie schnell etwas Realität werde, hänge auch davon ab, ob bereits Bebauungspläne existierten oder nicht. Oder wie sich die Eigentümerstruktur darstelle. Im Falle des leer stehenden ehemaligen Hotelhochhauses, das noch immer den Schriftzug „Golden Tulip“ trägt, ist das eine sehr komplexe Angelegenheit, da fast jedes der mehreren 100 Zimmer einem anderen Eigentümer gehört.

Die Vermarktung stockt

Der Vermarktung harrt dagegen weiter das KWU-Gebäude.

Gleiches gilt für das ehemalige Hochhaus der Kraftwerkunion (KWU), das – wie Insider berichten – einen Prozess durchlaufe wie beim Monopoly. Der Versicherungskonzern Allianz, der nach mehrmaligem Weiterreichen wieder im direkten Besitz des maroden Gebäudes ist, wird es nicht los. Interessenten für das Grundstück soll es geben. Jedoch keinen Bebauungsplan. Und wer den will, um die bisherige Geschosszahl und -höhe im Falle eines Neubaus wieder genehmigt zu bekommen, muss sich im Vorfeld auf die spätere Nutzung festlegen. Das will und kann die Allianz nicht – die Vermarktung stockt.

Leben dürfte immerhin bald ins alte Wetterdienst-Gebäude zurückkehren. Wie die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben auf Anfrage mitteilte, ist die in die Jahre gekommene Liegenschaft inzwischen veräußert. Details sind bislang unbekannt und offensichtlich geheimer als das, was hinter den bunten Mauern des Laufhauses am Kaiserlei einst geschah.

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