Diebstahl live übertragen

+
„Wir gucken nicht in Schlafzimmer oder Büros“, sagt Georg Grebner, Leiter des 1. Polizeireviers am Mathildenplatz. Um den Bürgern die Sorgen in Sachen Videoüberwachung zu nehmen, lädt er dazu ein, sich vor Ort einmal selbst ein Bild von Sicht- und „Unsichtbarem“ zu machen.

Offenbach ‐ Den Kampf gegen den schlechten Ruf führt Offenbach bekanntlich seit einer gefühlten Ewigkeit. Und auf fast jedem denkbaren Schlachtfeld. Nur bei einer Zielgruppe, da soll dieser Ruf unbedingt erhalten bleiben: bei Randalierern und Ganoven. Von Barbara Hoven

Die dürfen sich gerne abschrecken lassen und noch lieber das Weite suchen. Dafür bedienen sich Stadt und Polizei auch eines Mittels, an dem sich die Geister scheiden: der Videoüberwachung. Die einen betteln auf der Suche nach Sicherheit darum, andere wähnen sich auf dem Weg in den Orwellschen Überwachungsstaat.

Dass sich die Installation von Überwachungskameras an fünf öffentlichen Plätzen, die von Straftaten und Sachbeschädigungen besonders betroffen waren, bewährt hat, darüber herrscht Einigkeit. „Die Straftaten gehen an den überwachten Stellen zurück, die Stadt wird so sicherer“, ist Ordnungsdezernent Paul-Gerhard Weiß ebenso überzeugt wie Georg Grebner, Chef des 1. Polizeireviers.

Neulich erst, keine zwei Wochen ist es her, da bekam einer von Grebners Mitarbeitern einen Kurzfilm mit Seltenheitswert zu sehen: Es ist Sonntag, genau 17.42 Uhr, als der wachhabende Beamte auf dem Bildschirm der Videoüberwachung vom Marktplatz zwei Männer erkennt, die mit großem Werkzeug an einem Fahrrad hantieren. Sofort schickt er mehrere Streifenwagen hin. Die Polizisten schnappen die beiden wohnsitzlosen Litauer noch in der Nähe der Fahrradständer, mit Zangen in den Taschen.

„Man müsste Kamera-Attrappen aufhängen“

So eine Live-Übertragung eines Diebstahls sei allerdings höchst selten, berichtet Grebner. Vielmehr gehe es um Abschreckung potenzieller Übeltäter. Und, ein weiterer Vorteil: „Wenn etwas vorfällt, geben die Kameras uns die Möglichkeit, sehr schnell zu reagieren.“ Außerdem werde im Falle eines Falles die Beweissicherung erleichtert.

„Ich gehe sogar so weit, zu sagen, man müsste überall Kamera-Attrappen aufhängen“, meint Grebner. „Denn die abschreckende Wirkung ist eindeutig da.“

Der Polizist ist folglich bekennender Fan der Elektro-Augen. Natürlich sei das Thema stets ein heißes Eisen, viele hätten Angst vor Verletzung ihrer Rechte. Doch dabei würden die Vorteile oft übersehen, vor allem die Wirkung als Präventionsinstrument. Grebner ist sich sicher: „Wenn man statt der Kameras am Markt einen Hochsitz einrichten würde, wo rund um die Uhr ein Polizist drin sitzt und aufpasst, würd´s keinen stören.“

Grebner will dem Bürger die Sorge nehmen, die Polizisten könnten zu Privates erspähen. Jeden, den das beschäftigt, lädt er ein, sich auf seinem Revier am Mathildenplatz selbst ein Bild zu machen von dem, was an Live-Bildern tatsächlich zu sehen ist auf den Monitoren. Und vor allem, was nicht. „Wir können und wollen nicht in Büros oder Schlafzimmer gucken“, sagt er. Und selbst wenn ein Beamter fragwürdige Absichten hätte, würden diese schnell auffallen. Denn die Bilder sind nicht nur im 1. Polizeirevier zu sehen, sondern auch in Ordnungsamt und Stadtwache.

Bilder stehen sieben Tage zur Verfügung

Überall dort läuft ein, was insgesamt sieben Kameras aufzeichnen. „Die erste Videoüberwachung wurde 2004 am Marktplatz eingerichtet, zwei Kameras im Oktober eingeschaltet“, berichtet der stellvertretende Ordnungsamt-Leiter Frank Weber. 2007 folgte eine weitere in der Hermann-Steinhäuser-Straße, „zuletzt, in 2010, wurde die Videoüberwachung am Europaplatz Lauterborn mit zwei Kameras und je einer Kamera an den S-Bahnhöfen Bieber und Bieber-Waldhof installiert“. Zudem würden die unterirdischen S-Bahnstationen von der Bahn überwacht.

Sieben Tage stehen die aufgezeichneten Bilder „zur Aufklärung eventueller Delikte“ zur Verfügung; gesetzlich wäre gar eine Aufbewahrung für zwei Monate zulässig.

Weitere Kameras zu installieren, sagt Weber, sei seitens der Stadt und der Polizei derzeit nicht geplant. Ohnehin, erklärt Paul-Gerhard Weiß, könne so eine Ausweitung nie willkürlich erfolgen. „Keine Stadt darf einfach alles überwachen“, sondern in jedem Fall, so verlangt es das Gesetz, müsse zuvor sorgfältig geprüft werden, ob in dem Areal tatsächlich wiederholt Straftaten begangen würden.

Und was kosten die Elektro-Augen? „Das hängt weniger von der Anzahl der Kameras ab, als eher von der technischen Infrastruktur“, erklärt Weber. Müssten etwa Masten gesetzt oder Glasfaserkabel zur Datenübertragung verlegt werden, werde die Sache deutlich teurer. In Zahlen: Die Anlage in der Hermann-Steinhäuser-Straße schlug mit 20 000 Euro zu Buche, für die Überwachung der Bahnhöfe in Bieber und Waldhof mussten 100.000 Euro gezahlt werden.

An Gründen zum Hingucken mangelt es Offenbachs Kameras jedenfalls nicht. Was gewissermaßen bedauerlich ist, weil Ziel jeder Videoüberwachung natürlich sein muss, sich überflüssig zu machen. Wohl eine Utopie.

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion