Kampfansage an den Zufall

Offenbach - Das Problem, sagt Kai Oliver Thielke, sei ja nicht, dass es in Offenbach nicht genug Angebote für Alleinerziehende gebe. Das Problem sei, „dass es momentan noch zu sehr vom Zufall abhängt, ob Betroffene von diesen Angeboten erfahren“. Von Marcus Reinsch

Und der Zufall, der sollte eigentlich keine solche Macht haben über das Leben dieser Menschen. Deshalb will die Stadt mit Hilfe des Sozialwissenschaftlers Thielke und des gerade unter dessen Regie gestarteten Projekts „Netzwerke wirksamer Hilfen für Alleinerziehende“ dem Zufall ein Schnippchen schlagen, will ihn umpolen zu Planbarkeit und Verlässlichkeit.

Klingt furchtbar trocken, verweist aber auf handfeste gesellschaftliche Schwierigkeiten. Dass „Alleinerziehende längst keine Sonderfälle mehr sind“, wie Bürgermeisterin und Sozialdezernentin Birgit Simon bei der gestrigen Vorstellung der ausdrücklich nicht nur Arbeitslosen zugedachten Netzwerk-Pläne feststellte, lässt sich einfach beweisen. Vorvergangenes Jahr gab es 3122 Offenbacher, die ihren Nachwuchs ohne Partner großziehen; davon nur 344 Männer.

Vom Sonderfall zur Alltäglichkeit

Im Schnitt etwa die Hälfte aller Einzelkämpfer - besonders viele rund um die Hochschule für Gestaltung (rund 65 Prozent) und die Mathildenschule (knapp 60), vergleichsweise wenige am Bieberer Berg (38) - leben von Hartz IV. Das ist einer der Gründe, warum das Projekt nicht bei der Stadt selbst, sondern bei der für die Versorgung und Vermittlung von Langzeitarbeitslosen verantwortlichen Mainarbeit angesiedelt ist.

Der andere ist, dass das kommunale Jobcenter beispielsweise mit dem „Familienservice“ und einem ausschließlich für die Vermittlung von arbeitslosen Alleinerziehenden zuständigen Teams schon nützliche Erfahrungen gesammelt hat, wie die Mainarbeit-Bereichsleiterin Charlotte Buri betont. Eine Erfahrung, zusammengefasst von Mainarbeit-Chef Matthias Schulze-Böing: Arbeitsunwillige sind unter Alleinerziehenden Ausnahmeerscheinungen; tatsächlich seien viele gut und besser qualifiziert und theoretisch Traumkandidaten für all die über den sich verschärfenden Fachkräftemangel wehklagenden Unternehmen.

In der Praxis allerdings stellt sich da wieder die nach wie vor schwierige Frage nach der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“. Auf die gelte es gemeinsam mit den neben der Mainarbeit beteiligten Institutionen Jugendamt, Industrie- und Handelskammer und Arbeitsagentur sowie den freien Trägern von Hilfsangeboten eine verlässliche Antwort als bisher zu finden.

Frage nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Verlässlicher als heute zumindest. Beispiel: In einem künftigen Netzwerk - Gründung einer eigenen Anlaufstelle oder wenigstens ein zentraler telefonischer Ansprechpartner nicht ausgeschlossen - soll sich eine alleinerziehende Mutter einen abendlichen Weiterbildungskurs nicht mehr verkneifen, weil sie keinen Babysitter findet. Der Bildungsträger, so stellt Koordinator Thielke sich das vor, soll gleich bei der Anmeldung fragen, ob Kinderbetreuung gebraucht wird und dann alle Hebel in Bewegung setzen.

Oder, Stichwort Fehlzeiten: Ein Unternehmen ärgert sich nicht mehr über Fehlzeiten einer Mutter, die wegen ihres kranken Kindes zuhause geblieben ist, sondern minimiert die Abwesenheit, indem es bei der Suche nach einer vorübergehenden Betreuung hilft. Oder: Firmen führen Arbeitszeitmodelle ein, die Alleinerziehenden entgegenkommen.

Das Projekt - ausgestattet mit 248.000 Euro, davon 50 Prozent aus dem Europäischen Sozialfonds, 30 vom Bund, 20 in Gestalt städtischer Mitarbeiter - ist bis Mitte 2013 befristet.

Rubriklistenbild: © Matthias Balzer/pixelio.de

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