Kanzlerin, bleib daheim!

+
So willkommen wie in der Mongolei ist Angela Merkel nicht bei allen Offenbachern.

Offenbach (tk) - Bundeskanzlerin Angela Merkel findet heute Post aus Offenbach auf ihrem Berliner Schreibtisch vor. In einem auch offenen Brief bekniet sie eine Phalanx aus unterschiedlichsten lokalen Vereinigungen, am 21. Oktober nicht bei der Einweihung der neuen Landebahn Nordwest zu erscheinen.

Ein gleichlautender Appell ergeht an den hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier. Die Absender weisen darauf hin, dass noch die Revisionsentscheidung vor dem Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) gegen die Baugenehmigung anhängig sei und kein dringender Bedarf für die Inbetriebnahme Nordwest vorliege: „Das Flugverkehrsaufkommen liegt derzeit rund 15 Prozent unter den prognostizierten Werten.“

Der Brief an die Bundeskanzlerin im Wortlaut

Es wird angeführt, dass Offenbach eine dritte Lärmschneise bekommen soll, einen fast flächendeckenden Lärmteppich, weitere Luftschadstoffe und erhebliche Beschränkungen für die Stadtentwicklung. Anstatt wie angekündigt die Festlichkeiten um einen Landeanflug zu bereichern, möge die Kanzlerin besser die Offenbacher in ihrem Kampf für Gesundheit und die Entwicklungschancen unterstützen.

Den Offenen Brief haben folgende Offenbacher Institutionen und Verbände unterzeichnet: attac Region, Bündnis 90/Die Grünen, Bürgerinitiative Luftverkehr, BUND, Bürgerinitiative Rumpenheim, CDU-Fraktion, Kreisverband Die Linke, DGB-Südosthessen, Ev. Familien-Bildungsstätte, Evangelische Kirche, FDP Kreisverband/Fraktion, GEW Stadt, Institut zur Abwehr von Gesundheitsgefahren durch Lärm, Institut für Gesundheitsschutz, IG Metall, Jugendkunstschule, Lokale Agenda 21, Naturfreunde, Piratenfraktion, Stadtwerke Offenbach Holding Projekt „Besser leben in Offenbach“, SPD, Stadtschülerrat, suesswasser e.V., ver.di-Kreisvorstand.

Schon mit ihrem Einweihungsfest im Juni habe die Fraport AG Kläger, Lärmbetroffene und mehr als 150.000 Einwender verhöhnt, heißt es weiter in dem Brief. Die Landebahn vor dem Urteil des BVerwG in Betrieb zu nehmen, zeuge zudem von fehlendem Respekt vor der dritten Gewalt. Seit Jahren würden wirtschaftliche Interessen vor die Gesundheit hunderttausender Menschen gestellt. Die Verfasser des Briefs erinnern Merkel an eine eigene Aussage, nach der es ihr „wahrscheinlich heute auch viel Kraft - für den Rest meines Lebens!“ gibt, dass sie auf dem Lande aufwuchs und gut schlafen konnte. Die Kanzlerin möge sich also dafür stark machen, „ dass auch unsere Kinder diese Kraft schöpfen können“.
Für den Betrieb der neuen Landebahn sei selbst ein Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr noch immer nicht abschließend gesichert. Die Luftverkehrswirtschaft erwäge noch nicht einmal, vorhandene Möglichkeiten zur Reduzierung des Fluglärms durch aktiven Lärmschutz umzusetzen. Fragen des passiven Lärmschutzes seien noch nicht geklärt: „Lärmschutzfenster oder Lüfter in den Schlafräumen sind keine ausreichende Lösung. Menschen können nicht in Käfigen gehalten werden.“ Das derzeitige Übergewicht wirtschaftlicher Belange gegenüber der Gesundheit einer ganzen Region sei menschenverachtend.

Angela Merkel soll also am 21. Oktober besser daheim bleiben und sich stattdessen „kraft des Ihnen übertragenen Amtes sich gegen die Respektlosigkeit der Fraport“ und für die Gesundheit von über 300.000 Einwohnern rund um den Flughafen aussprechen.

Kommentare