Karussell mit Normenantrieb

+
Am Ende haben sich alle doch wieder verstanden: Schausteller Peter Stein und Petra Stottrop, Abteilungsleiterin Spielplatzkontrolle bei der GBM, beim Versöhnungswippen auf dem Bieberer Ostendplatz. Wie der Spielplatz künftig abgesperrt werden muss, soll nun grundsätzlich geregelt werden.

Offenbach - Ein Fahrgeschäft, auf dem Peter Stein schwindlig wird, das muss erst noch erfunden werden. Dachte jeder, der je mit dem Frontmann einer Offenbacher Schaustellerdynastie zu tun hatte. Und dachte wohl auch Stein selbst. Von Marcus Reinsch

Bis gestern Vormittag auf dem Ostendplatz. Da drehte er als Pächter der Bieberer Kerb ein paar unfreiwillige Runden auf einem Bürokratiekarussell mit Normenantrieb. Kurz: Es war ein wilder Ritt; Stein wäre fast hinten runtergefallen. Und am Ende ließ er den Spielplatz am Rande des Kerbareals mit Bauzäunen abriegeln - fast freiwillig.

Zu rasant? Zeitlupe: Eine Holzumrandung, zwei Wippen, ziemlich viel Sand. Es ist ein kleiner, ein trauriger Spielplatz, der sich da in den Schatten der Bäume in der schon lange von allerlei Gestaltern umkämpften Mitte des Stadtteils duckt. Aber es ist trotzdem ein Spielplatz und damit Einflussgebiet einer europäischen Norm namens „DIN EN 1167: 2008“. Die regelt, dass zwischen Spielplätzen und Orten, an denen Kinder tödlich verunglücken oder Gliedmaßen verlieren könnten, eine „räumliche Trennung“ fällig ist.

Die Bieberer Kerb als Gefahr für Leben, Arme oder Beine des Nachwuchses zu fürchten, darauf wäre in den fast fünf Jahrzehnten der geselligen Tradition kein Ortsansässiger auch nur im Traum gekommen. Ganz große Kinder tranken, mittlere Kinder träumten im Autoscooter vom Führerschein, kleine Kinder wippten, so war das immer.

Dafür, dass es während der Kerb nichts mehr zu wippen gibt, sorgte eigentlich schon im vergangenen Jahr der Zufall in Gestalt eines Gutachters von einer Prüfungsorganisation. Der tauchte am Tag des Kerbaufbaus auf dem Ostendplatz auf, sah in der Nachbarschaft des Spielmobiliars einen Stromverteilerkasten (Stein: „Wird abgeschlossen.“). Sah Kabel in einer Pfütze (Stein: „Sind absolut dicht und vom TÜV geprüft“). Sah potentielle Stolperfallen in Form von Wohnwagentreppchen (Stein: „Kommen während des Betriebs weg.“). Sah dann offensichtlich rot und zitierte seine Auftraggeberin vor Ort.

Petra Stottrop, Abteilungsleiterin Spielplatzkontrolle der zur städtischen Konzernfamilie gehörenden Gebäudemanagement GmbH (GBM), klingelt das Wort „Verkehrssicherungspflicht“ heute noch in den Ohren. „Als Ergänzung unserer eigenen, 14-tägigen Kontrollen schicken wir einmal im Jahr einen externen Prüfer her“, sagte sie gestern. Die Kerb sei leider in den Zeitraum gefallen, „in dem wir nicht selbst auf dem Ostendplatz sind“. Damals musste der Spielplatz zum ersten Mal mit Bauzäunen abgesperrt werden. Und Peter Stein, durchaus streitbar, fühlte sich „überrumpelt“.

Genau wie gestern, wenige Stunden vor Kerbbeginn. Da waren Gesandte von GBM und Ordnungsamt vor Ort und Stein stimmungsmäßig auf der Palme. „Vom Bauzaun hat auch diesmal nichts im Sondernutzungsbescheid gestanden“, monierte Stein. „Das muss mir jetzt erst mal einer erklären. Wir brauchen doch klare Verhältnisse.“

Chronische Kommunikationsschwäche

Finden alle. Dass es die zur Bieberer Kerb trotz der Vorarbeit aus dem vergangenen Jahr nicht gibt, ist offenbar einer bislang chronischen Kommunikationsschwäche zwischen den städtischen Beteiligten geschuldet. Der Informationsfluss über die nötigen Sicherheitsauflagen zumindest muss viele amtliche Staustufen überwinden: Eigentümerin des Spielplatzes ist die Stadt. Für sie am Ruder steht das Amt für Stadtplanung und Baumanagement, das das Areal in die Zuständigkeit des städtischen Dienstleistungssprosses ESO übergibt, der wiederum die GBM mit Kontrollen und Reparaturen beauftragt. Für die Genehmigung der Bieberer Kerb allerdings ist dann das Ordnungsamt zuständig.

Klare Verhältnisse? Vielleicht bald. Das Ordnungsamt, das gestern die Aufstellung von Bauzäunen quasi als Einzelfall anordnete, will nun alle Ämter an einen Tisch bringen, um eine grundsätzliche Regelung festzuklopfen.

Das Ergebnis wird dann der Interessengemeinschaft Bieberer Ortsvereine (IGBOV) geschickt. Die ist eigentliche Ausrichterin der an den Schausteller Stein verpachtenen Kerb. Vorstandsmitglied Georg Wagner erwartet die neuen Spielregeln mit Interesse. Verwunderlich habe er es sowieso gefunden, dass diese räumliche Trennung von Spiel- und Festplatz beim „Fest der Vereine“ vor wenigen Wochen an gleicher Stelle kein Thema gewesen war.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare