Karussell und Zuckerwatte

Offenbach - Vorm Isenburger Schloss standen die Offenbacher dicht gedrängt, und alle reckten die Köpfe in die Höhe. Es war im Juni 1910. Von Lothar R. Braun

Im „Goldenen Engel“ am Marktplatz hatte der weltberühmte Schweizer Hochseilartist Franz Knie Quartier genommen, und den Schlossplatz überquerte er auf einem Seil, auf Höhe der obersten Loggia des Schlosses. Die Zuschauer geizten nicht mit Beifall. Aber als die Artisten dann Honorar einsammelten, löste die Menge sich blitzartig auf.

So gab der Historiker Hans-Georg Ruppel es wieder beim Erzählcafé der Arbeiterwohlfahrt im Else-Herrmann-Haus. An der Seite des Fernsehmoderators Karl-Heinz Stier lauschten ihm dabei zwei Damen aus der Offenbacher Schaustellerdynastie Bertsch, die 81-jährige Elli Bertsch und ihre Tochter mit demselben Vornamen. Im Jahr 1910, in dem die Offenbacher den Seiltänzer Knie enttäuschten, war der erste Bertsch mit einem doppelstöckigen Karussell auf Reisen gegangen. Ein Foto von seinem mit Pferden bespannten Planwagen hatten die Damen mitgebracht.

Jahrmarkt, Volksfest, Rummelplatz

Das Thema des Nachmittags hieß „Karussell und Zuckerwatte“. Es ging um Jahrmarkt, Volksfest, Rummelplatz. In Offenbach waren sie schon im frühen 19. Jahrhundert populär. Der ehemalige Stadtarchivar berichtete von Offenbacher Mühlenfesten, die an der Tempelseemühle am Ende der Waldstraße gefeiert wurden. Dort sollen sich die Kutschen Frankfurter Besucher gestaut haben. Die Offenbacher kamen ja zu Fuß.

„Zu einem Spiel- und Festplatz wurde später der Lagerhausplatz“. Das ist der Platz vor dem Ledermuseum an der Frankfurter Straße. Dort hatte das Fest auch schon mal politische Inhalte, etwa zu Beginn der 1848er Revolution.

Jahrmarktstreiben kannten auch Schlossers Liegenschaften am Main, die um 1900 dem Bau der Mainstraße zum Opfer fielen. An sie schloss zur Kirchgasse hin das Stadttheater an, das ebenfalls häufig ein Zentrum munteren Rummels war.

Ruppel berichtete von einer „Berg-und-Tal-Bahn“ auf dem Friedrichsplatz. Auch die Rosenhöhe hat schon im alten Offenbach Volksfeste gesehen. Einmal soll ein Karussell sich sogar auf dem zugefrorenen Main gedreht haben. In dem ungewöhnlich harten Winter 1928/29 ist das gewesen.

„Kirchturm-Reisende“

Erzählungen über den Rummel auf dem Eis wurden von Generation zu Generation weitergereicht. Der wissenschaftsstrenge Ruppel betonte jedoch, davon nur aus schriftlichen Quellen zu wissen. Einen fotografischen Beweis konnte er nicht finden. Heute gilt der Parkplatz an der Carl-Ulrich-Brücke als Offenbacher Rummelplatz. Das begann, so hat Ruppel ermittelt, 1938.

Seit 1910 war an solchen Veranstaltungen fast stets die Schaustellerfamilie Bertsch mit unterschiedlichen Betrieben beteiligt. Mit einem Kettenkarussell oder einer Schiffschaukel, einer Schießbude, einer Verlosung oder einem Kinderkarussell, das hat gewechselt. „Kirchturm-Reisende“ nannte man in der Branche Schausteller wie die Bertschs. Das besagte, dass sie sich mit Karussell und Zuckerwatte nicht allzu weit vom heimischen Kirchturm zu entfernen pflegten. Bis nach Beerfelden im Odenwald ging es schon mal, aber selten viel weiter. Für die Tochter Elli bedeutete das gleichwohl, in der Saison mitunter jede Woche die Schule wechseln zu müssen.

Mittlerweile ist die Familientradition erloschen. Der letzte aktive Schausteller mit dem Namen Bertsch starb vor fünf Jahren. Aber wer lang genug in Offenbach lebt, kennt noch den Namen. Beim Publikum im Else-Herrmann-Haus jedenfalls setzte er eine Fülle persönlicher Erinnerungen frei.

Rubriklistenbild: © Symbolbild: Karl-Heinz Laube/pixelio

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