Kassierer vor Gericht

Zu früh aus dem Bett geholt für den Prozess

Offenbach - Ronald M. schlurft in den Gerichtssaal. Ungekämmt, unausgeschlafen, Sandalen, eine ausgebeulte speckige Cordhose, die von breiten, roten Hosenträgern gehalten wird, Holzfällerhemd. Er hat eine Plastiktüte dabei, die er vor sich auf den Tisch stellt. Von Matthias Dahmer 

Er habe heute noch nicht frühstücken können, erklärt er. Die Polizei hat den 62 Jahre alten und schwer zuckerkranken Mann am frühen Morgen aus seinem derzeitigen Wohnort in der Rhön nach Offenbach geholt. Dort muss sich Ronald M. vor dem Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Manfred Beck wegen Untreue verantworten. Staatsanwalt Thomas Glab wirft ihm vor, sich von April bis Dezember 2011 als damaliger Kassierer des 1. Offenbacher Kleintierzuchtvereins insgesamt 52 Mal aus der Vereinskasse bedient zu haben. Monoton liest Glab die einzelnen dem Angeklagten zur Last gelegten Taten vor. Überwiegend Beträge zwischen 300 und 6000 Euro hat M. in der genannten Zeit in bar abgehoben. Für den 10. Juni steht in der Anklage indes ein Betrag von 50.000 Euro. Ronald M. soll das Geld in die eigene Tasche gesteckt haben. Ein Vorwurf, den er später vehement bestreiten wird.

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Dass der kleine Zuchtverein überhaupt so viel Geld auf der hohen Kante hatte, ist großen Plänen von Stadt und Land zu verdanken: Im Zuge des geplanten Neubaus des Polizeipräsidiums am Buchhügel mussten die Züchter umgesiedelt werden, wurde ihnen zugleich vertraglich von der Stadtwerke Offenbach Holding 400.000 Euro für den Bau einer neuen Ausstellungshalle zugesagt. Die erste Rate über 100.000 Euro floss mit Vertragschluss am 11. April 2011, wenige Tag bevor die Barabhebungen vom Vereinskonto begannen.

Der Bau der Halle unmittelbar neben dem Vereinsgelände startete zwar im Mai 2013, über das Stadium eines angefangenen Rohbaus kam das Projekt jedoch nie hinaus. Die beauftragte Baufirma stellte ihre Arbeiten ein, nachdem nur 8900 Euro und danach nichts mehr bezahlt wurde. Wortreich und immer wieder auf Einschränkungen aufgrund seiner Diabetes hinweisend, beteuert Ronald M., das öffentliche Geld nicht für persönliche Zwecke verwendet zu haben. Außer ihm habe auch die damalige Vereinsvorsitzende Zugriff auf das Konto gehabt. Neben den 8900 Euro für die Baufirma seien 35.000 Euro fürs alte Vereinsheim abgehoben worden, 10.000 Euro seien als Vorschuss an den Vereinswirt gegangen, 14.000 Euro habe die Vorsitzende ebenfalls für Vereinszwecke abgehoben.

Das alles könne er belegen, versichert Ronald M. Weil ihn die Polizei so früh aus dem Bett geholt habe, sei er aber nicht in der Lage gewesen, seine Unterlagen mitzunehmen. Warum ausschließlich Bargeld abgehoben wurde und man keine Überweisungen getätigt habe, konnte der Angeklagte ebenso wenig erklären wie den Umstand, dass es keine Vereinsbeschlüsse zu den Ausgaben gibt. Zu einem ersten Prozesstermin im November war Ronald M. aus gesundheitlichen Gründen nicht erschienen. Richter Manfred Beck berichtet von einem anschließenden Telefonat mit dem Amtsarzt, der nicht ausschloss, dass der Angeklagte seinen Zustand durch Weglassen von Medikamenten selbst herbeigeführt hatte. Zum nächsten Termin, beteuert M. gestern mehrfach, werde er bestimmt erscheinen und auch seine Unterlagen mitbringen.

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Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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