Finale Kastanienrettung

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Jedes Frühjahr ist Bangen angesagt: Welche der winterlich entlaubten Rosskastanien am Wilhelmsplatz treibt wieder zufriedenstellend aus?

Offenbach - Zum letzten Strohhalm greifen sie gemeinsam. Die Fraktionen der Stadtverordnetenversammlung feilen zusammen an einem Antrag, mit dem wichtigen Symbolen für innerstädtische Lebensqualität eine Gnadenfrist beschert werden soll. Von Thomas Kirstein

Es geht um die verbliebenen, kränkelnden bis sterbenskranken Kastanien des Wilhelmsplatzes. Für die überparteiliche Baumrettungs-Initiative sorgte wohl ein gewisses Maß an Entsetzen, ausgelöst vom Geschäftsführer des ESO und der Stadtwerke Holding. Peter Walther legte dem Haupt-, Finanz- und Beteiligungsausschuss dar, wie es aus Sicht seiner Fachleute um die betagten Rosskastanien bestellt ist. Vergangenes Jahr mussten zwei Patienten aufgegeben werden, laut Walther sind von 30 verbliebenen Bäumen des Altbestands 27 massiv geschädigt, sieben werden nicht mehr viele Jahre stehen bleiben dürfen.

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Die Kastanien des Wilhelmsplatzes haben zwischen 40 und 60 Jahre auf der Rinde, sind in einem Alter, das manche Fachleute bei den harten Bedingungen ausgesetzten Stadtbäumen als gesegnet bezeichnen. Dass es ihnen nicht gut geht, ist unübersehbar. Einige grünen gar nicht mehr, andere signalisieren im Frühjahr Herbst, manchmal tragen sie Blüten und Früchte gleichzeitig.

Bereits am Donnerstag hörte der Ausschuss Umwelt, Bauen, Planen einen Experten. Vom CDU-Stadtverordneten Michael Weiland gebeten, meldete sich Biologe und Biochemiker Dr. Wolfgang Hares als sachkundiger Bürger zu Wort. Die stets verdächtige Raupe der Miniermotte hält Hares nicht für das schlimmste Problem am Wilhelmsplatz. Er diagnostiziert „Blattrandnekrose“, bei der die Blätter vom Rand her absterben, hervorgerufen durch Wassermangel. Den wiederum verschärfen nach seiner Ansicht verschiedene Faktoren: Beim Platz-Umbau seien Wurzeln gekappt worden; Kneipenbesucher verdichteten mit ihren Autos die Erde; im trockenen Frühjahr 2011 sei mit Wasser gegeizt worden; wegen des Streusalzes stünden die Bäume förmlich in einer Lake und kurz vorm Verdursten.

Salzstreu-Verbot und Pflegeplan

Das letzte politische Aufgebot für die bedrohten Bäume beruht auf einer Initiative der CDU, der die anderen Fraktionen nun - mit den üblichen Abstrichen und Ergänzungen - folgen wollen. Unter anderem ist beabsichtigt, ein Salzstreu-Verbot für den Wilhelmsplatz zu verlangen und einen Gutachter für die Erstellung eines Pflegeplans heranzuziehen. Der Unions-Text schlägt auch vor, die freie Fläche um die Bäume durch teilweises Entfernen des Gitterpflasters zu erweitern. Das Umweltamt soll die Maßnahmen überwachen.

Den Ursprungsantrag formulierte Unionsmann Michael Weiland, nachdem ihn eine Antwort des Magistrats auf eine besorgte Anfrage zu den Wilhelmsplatz-Bäumen nicht zufrieden gestellt hatte. Ein vorangegangener Vorstoß des Naturschutzbeirats sei „von der Verwaltung abgebügelt worden“. Jetzt freut ihn ein „gemeinsamer Schulterschluss“. Was die CDU in Gestalt ihres Vize-Fraktionschefs Roland Walter aber wurmt: Ein 2009 gefasster Stadtverordnetenbeschluss zur Aufstellung eines Pflegekonzepts sei nicht befolgt worden. Immerhin tut sich inzwischen Sichtbares: An den Baumscheiben werden seit vergangener Woche Gitter angebracht, die den vom Umweltamt geforderten „mechanischen Schutz, insbesondere während des Marktbetriebs“ darstellen sollen.

Ersatzpflanzungen mit geeigneteren Arten

Im Bauamts-Referat Stadtgrün ist das Leiden der Kastanien seit langem bekannt. Sigrid Pietsch gibt den meisten von ihnen noch ein paar schöne Jahre: „Aber man muss eben berücksichtigen, dass sie für Stadtbäume ein schon sehr fortgeschrittenes Alter haben.“ Ihrer Ansicht nach bekommen die Wilhelmsplatz-Kastanien nicht unbedingt zu wenig Wasser, sondern zu wenig Luft.

Deshalb hält sie nichts davon, durchlässiges Porenpflaster zu entfernen - das führe eher dazu, dass der Boden von darüber laufenden Menschen verdichtet werde, während Pflaster den Druck verteile. Salz-Stopp hält Sigrid Pietsch für sinnvoll, allerdings werde es allein den Bäumen nicht helfen: „Da ist seit Jahrzehnten gestreut worden, das Salz im Boden kriegen Sie kaum raus.“

Einen auf Dauer ansprechend begrünten Wilhelmsplatz garantieren also nach Meinung der Stadtgrün-Frau nur Ersatzpflanzungen mit geeigneteren Arten, als es die mottenanfälligen Rosskastanien darstellen. Zudem könne der jeweilige Standort nach modernsten Erkenntnissen unterirdisch bereitet werden. So wie es bereits bei den 20 Blumeneschen geschehen ist, die auf dem südlichen Teil des Platzes stehen und die dortigen - skandalträchtig unangekündigt gefällten - sechs Kastanien ersetzen. Sie sollen laut Sigrid Pietsch gedeihen. Eine Esche aber scheint zu kränkeln und muss beobachtet werden.

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