Katastrophe exakt nach Plan

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Das professionelle Verhalten im dichten Qualm verschafft klare Sicht auf die Qualitäten der Feuerwehr und anderer Rettungsorganisationen.

Offenbach - Am Eingang der Allessa-Chemie sieht der Besucher auf eine elektronische Tafel. Die zeigt an, wie lange es in dem Werk bereits zu keinem Unfall mehr gekommen sei. Seit 304 Tagen ist nichts passiert, das einen Krankenwagen oder ein Löschfahrzeug auf dem Plan gerufen hat. Von Stefan Mangold

Wenig verwunderlich: Wo kaum noch Arbeitsplätze sind, hält sich die Zahl der Arbeitsunfälle zwangsläufig in Grenzen. Am Samstag allerdings sah es von Weitem so aus, als ob die Anzeige wieder auf Null gedreht werden müsste. Da stieg schwarzer, dichter Qualm über dem Gelände an der Kettelerstraße auf und es knallte mitunter so laut, dass einige Anwesende die Köpfe einzogen und für einen Moment dachten, der Feuerwehr Offenbach sei etwas aus dem Ruder gelaufen.

Ein Irrtum. Die Explosion, die aus dem Gebäude schwirrenden Teile, das lichterloh brennende Auto auf der Straße davor - all das war genau so gewollt und gehörte zur Katastrophenschutzübung der Stadt, der Uwe Sauer von der Berufsfeuerwehr Offenbach als Amtsleiter vorstand. Im Turnus von zwei Jahren wiederholt sich die Katastrophenschutzübung.

Trotz des Wissens um die Simulation ist es ein beklemmendes Bild, wenn ein Mann mit aufgeschminkten Brandwunden auf dem Dach steht und von Angst getrieben um Hilfe schreit. „Ein heikler Moment für die Rettungskräfte“, erklärte der Feuerwehrmann Markus Wenzel die Szene, als sich die Retter auf einer ausgefahrenen Leiter dem vermeintlich Verletzten näherten, um ihn zu bergen. In der Realität könne es passieren, dass ein Unfallopfer panisch in den Korb springe „und dabei Helfer trifft und verletzt.“ Auch deshalb seien „Übungen dieser Art ungemein wichtig.

Manchmal kommt es vor, dass die eine Feuerwehr, die am Unfallort eingetroffen ist, noch weitere Wehren zur Hilfe rufen muss. Genau den Fall übten am Samstag 115 Blauröcke. Die Freiwilligen Feuerwehren aus Bieber, Rumpenheim und Waldheim kamen ebenso zum Einsatz wie das Technische Hilfswerk und der Arbeiter-Samariter-Bund. Die Koordination klappte hervorragend. „Im Vordergrund steht heute, den Brand zu bekämpfen“, erklärte Markus Wenzel. Im Planspiel konnten die Retter die Opfer verhältnismäßig leicht bergen. Jedoch bestand die Gefahr, dass das Feuer auf Chemikalien übergreift.

Ein Einsatz läuft nach „trainierten Automatismen ab“, gab Markus Wenzel Einblick in seinen Alltag. Zu dem gehört es zum Beispiel, mit Schutzanzug und Sauerstoffflasche in einen Raum gehen zu müssen, in dem Temperaturen von mehreren hundert Grad herrschen. Länger als 20 Minuten dürfe das nicht andauern, „dann ist die Flasche leer“. Währenddessen sei die Psyche der Retter in der Regel nur mit den einstudierten Abläufen beschäftigt, „man selbst ist Teil eines Mechanismus.“ Erst hinterher setzten sich die meisten mit dem Geschehnis seelisch auseinander.

Am Samstag ging alles so glatt wie geplant: die Verletzten wurden geborgen, das Feuer gelöscht, und niemand verunglückte wirklich. Die elektronische Anzeige am Eingang kann weitere Tage zählen.

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