Katastrophen nur in der Fiktion

Offenbach - Wegen der horrenden Mietpreise in der Nachbarstadt darf Offenbach eine der interessantesten Schriftstellerinnen der Gegenwart beherbergen. Im vergangenen Mai hat Silke Scheuermann eine schöne und große Altbauwohnung in der Karlstraße gemietet - nachdem sie in Sachsenhausen nichts Bezahlbares gefunden hatte.

Die noch zu Studentenzeiten bezogene Bleibe im Frankfurter Stadtteil war endgültig zu klein geworden, als ihr Freund Matthias Göritz aus Hamburg übersiedelte - auch er ein viel beachteter und gelobter Schriftsteller. „Die Wohnung war ein einziger Bücherwust, das ging nicht mehr“, erzählt sie.

Mittlerweile sind beide in Offenbach heimisch geworden - und Bücher stapeln sich wieder in jeder Ecke, selbst im Spalt zwischen den alten Fenstern. Die Liebe zur Literatur prägt jeden Quadratmeter. Zugleich lassen die fünf Zimmer in der Innenstadt noch anderen Perspektiven Raum. „Für Kinder haben wir hier auch noch Platz“, sagt die 35-Jährige.

Die Innenstadt-Wohnung bietet beiden Autoren große Arbeitszimmer, um in der produktivsten Zeit des Tages ungestört zu bleiben. „Dann haben wir die Türen zu und kriegen nichts vom anderen mit“, erzählt Silke Scheuermann. Mitunter trifft sich das Paar dann zufällig auf dem zwei Steinwürfe entfernten Wochenmarkt beim Hähnchenstand wieder, weil beide der Hunger vom Schreibtisch vertrieben hat. Matthias Göritz allerdings arbeitet derzeit als Gastprofessor in New York und weilt nur unregelmäßig am Main. Über den Markt bummeln, in kleinen italienischen Lebensmittelgeschäften einkaufen, im Buchladen am Markt oder in der Stadtbücherei schmökern, im „beau d'eau“ Kaffee trinken: Silke Scheuermann hat bereits einige Offenbacher Orte schätzen gelernt. Dass die in einem der nächsten Bücher vorkommen werden, ist indes nicht ausgemacht. Ihr nächster Roman wird in Shanghai spielen. Zudem schreibt sie an einem Kinderbuch.

In dem zumindest wird sich wohl ein Stück ihres Alltags widerspiegeln. Max, die englische Bulldogge der Nachbarin aus der Karlstraße, spielt in der aktuellen Fassung eine Rolle. Auch der unüberhörbare Umbau der früheren Stadtsparkassenzentrale zu einem Supermarkt, der sich vor der Haustür vollzieht, könnte Eingang in ihr Werk finden: „An ein Baustellen-Gedicht dachte ich in letzter Zeit öfter.“

Als Lyrikerin war die Schriftstellerin vor acht Jahren bekannt geworden. 2001 gewann die gebürtige Karlsruherin für ihre Gedichte den renommierten Leonce-und- Lena-Preis. Deutlich mehr Leser finden mittlerweile Silke Scheuermanns Erzählungen und vor allem ihr 2007 erschienener Roman „Die Stunde zwischen Hund und Wolf“. Im Zentrum des Buchs stehen zwei Schwestern, deren gespanntes Verhältnis an Dramatik gewinnt, als sich die eine in den Freund der anderen verliebt. Das in Frankfurt spielende Buch ist atmosphärisch dicht erzählt. Scheuermann schreibt lakonisch, aber nicht kalt. Ihre Sprache ist präzise und reich an starken Metaphern.

In elf Sprachen ist der Roman bereits übersetzt. „Die russische Ausgabe kam in der letzten Woche“, zeigt sie einen Band, der den Namen Scheuermann auf Kyrillisch zeigt und das Bild eines verarmten kleinen Mädchens, das so gar nicht zum kitschfreien und unsentimentalen Roman passen will.

Dessen Ich-Erzählerin ist leidenschaftliche Schwimmerin. Das Eintauchen ins Wasser und die Empfindungen, die es freisetzt, schildert der Roman so plastisch, dass sich die Frage aufdrängt, ob sich die Autorin nicht mehr Schwimmbäder in Offenbach wünsche. Doch die vermisst Silke Scheuermann nicht. Mit den Figuren ihrer Texte habe sie ohnehin nicht viel gemein: „Ich probiere beim Schreiben Sachen aus, die ich nicht selbst mache. Das ist ein Raum für mögliche Leben und Katastrophen, die ich nicht erleben möchte.“

Als Teil eines „Fräuleinwunders“ in der deutschen Literatur haben Kritiker Scheuermann mit Autorinnen wie Judith Hermann, Zoë Jenny oder Jenny Erpenbeck zum Phänomen stilisiert. Für ein Fräulein fühlt sich die Offenbacherin indes zu alt und auch sonst nicht wohl in der Schublade. Am Anfang hat sie vermutlich davon profitiert, als Teil eines Trends wahrgenommen worden zu sein. Mittlerweile aber haben die Texte der 35-Jährigen schon so viele Leser begeistert, dass es keiner marktschreierischen Etikette bedarf, um ihre Bücher zu verkaufen.

Silke Scheuermann, geboren 1973 in Karlsruhe, lebt seit Mai 2008 in Offenbach. Sie studierte Theater- und Literaturwissenschaften in Frankfurt, Leipzig und Paris. Für ihre Gedichte, Erzählungen und den Roman erhielt sie mehrere Stipendien und Literaturpreise, zuletzt den Wiesbadener George-Konell-Preis. Folgende Bücher sind von ihr erschienen: Der Tag an dem die Möwen zweistimmig sangen, Gedichte (2001); Der zärtlichste Punkt im All, Gedichte (2004); Reiche Mädchen, Erzählungen (2005); Über Nacht ist es Winter, Gedichte (2007); Die Stunde zwischen Hund und Wolf, Roman (2007). Der Roman ist gebunden erhältlich (Schöffling, 17,90 Euro) und als Taschenbuch (Goldmann, 7,95 Euro).

Kommentare