Kein Halt am Hauptbahnhof

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Ab morgen starten die bereits begonnenen Bauarbeiten an der Bahnstrecke erst richtig durch: Dann wird es auch nachts und an Wochenenden laut. Das neue elektronische Stellwerk nutzt indes nicht nur dem Fernverkehr. Regionalbahnen, die flotteren Fernzügen Vorrang geben müssen, werden künftig kürzer in den Wartepositionen ausharren, da die neuen Signale und Weichen schneller reagieren als die alten mechanischen. Und an den Bahnsteigen soll besser über Verspätungen informiert werden.

Offenbach - Die Stadtentwicklung bietet derzeit reichlich Stoff für hitzige Debatten: das Reizthema Fluglärm, der geplante Kaiserlei-Umbau, die Hafenentwicklung, die Situation einiger Schulen im Stadtgebiet – und der Zustand des Hauptbahnhofs. Von Fabian El Cheikh

Auf unseren Internetseiten wird kräftig gewettert gegen die Deutsche Bahn, die es wieder einmal nicht für nötig erachtet, den Verkehrsknoten in ein vom Land finanziertes neues Programm für mehr Barrierefreiheit an den Bahnhöfen aufzunehmen.

Nachdem zuletzt die Seniorenhilfe mit Unverständnis auf die negative Entscheidung der Bahn reagiert hat, zeigen sich auch zahlreiche Internetnutzer enttäuscht: „Es wäre sehr schade, wenn man dieses schöne Gebäude weiter vernachlässigen und verfallen lassen würde“, schreibt ein Kommentator. „Die Renovierung beziehungsweise Sanierung würde sicher zu einer deutlichen Aufwertung des gesamten Quartiers beitragen und eventuell eine Signalwirkung auf die umliegenden Liegenschaften haben.“

Die Argumentation der Deutschen Bahn, mit der S-Bahn wäre die Stadt ausreichend angebunden, können viele nicht nachvollziehen. Ein Leser bemängelt, dass die S-Bahn-Stationen ebenso vernachlässigt würden wie der Hauptbahnhof. „Es ist ein Wunder, dass jetzt wenigstens die Aufzüge mal ausgetauscht werden.“

Von überregionalem Verkehr abgekoppelt

Die Stadt sei vom überregionalen Schienenverkehr abgekoppelt, lautet der Vorwurf von Reisenden, die den Hauptbahnhof gern als Startpunkt nutzen würden. Doch außer Regionalbahnen und Regionalexpressen sowie zwei Intercitys hält dort kein Zug mehr, erläutert Werner Gardlowski. Der Berufspendler aus Bad Soden gehört zu jener schwindenden Spezies von Fahrgästen, die noch jeden Morgen mit dem Zug zu ihrer Arbeit nach Offenbach fahren.

Wobei es so wenige, wie die Bahn immer behaupte, gar nicht seien: „Pro Zug steigen morgens 30 bis 40 Personen in Offenbach aus“, beobachtet Gardlowski. Auch er kritisiert den Zustand des maroden Bahnhofsgebäudes, vermisst Sitzbänke, eine funktionierende Lautsprecheranlage und ein Fahrplandisplay, die Pendler nicht erst auf dem Gleis, sondern schon unten in der Vorhalle über Verspätungen informieren.

Neues Licht und neue Lautsprecher

Zumindest an den Gleisen will die Bahn nachbessern: Die Bahnsteige erhalten eine neue Beleuchtungs- und Beschallungsanlage. „Künftig wird es schneller Informationen über Verspätungen und Ausfälle geben“, kündigt ein Sprecher an. Darüber hinaus macht das Unternehmen 31 Millionen Euro locker für den Bau eines elektronischen Stellwerks. Die neue Technik ersetzt das alte Stellwerk im Hauptbahnhof aus dem Jahr 1956 und regelt ab Oktober den Zugverkehr zwischen Mühlheim und Frankfurt-Süd. Nach den umfangreichen Tiefbauarbeiten in den vergangenen Monaten wird ab morgen so richtig losgelegt: 186 Kilometer Kabel werden neu verlegt, 435 neue Signale installiert und angeschlossen. Errichtet werden 47 Oberleitungsmasten und zwölf neue Signalausleger mitsamt der erforderlichen Fundamente. Will heißen: Entlang der Bahntrasse wird’s laut – und der Hauptbahnhof vorübergehend vom Verkehr abgekoppelt.

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Zugausfälle und nächtlicher Lärm

Bereits neu errichtet wurde ein Modulgebäude für das neue Stellwerk östlich des ehemaligen Güterbahnhofs, auf dem Bahngelände zwischen Schneckenberg und Mühlheimer Straße. Die noch bestehenden mechanischen Stellwerke im Bereich des Güterbahnhofs sowie das mit Relaistechnik ausgestattete Stellwerk am Hauptbahnhof werden im Herbst vom neuen elektronischen Pendant abgelöst. Das war’s dann aber auch schon mit der Modernisierung. Für das Bahnhofsgebäude selbst hat das Unternehmen keine weiteren Pläne in der Schublade, geschweige denn in der Hand. Auch was aus dem Gebäude des alten Stellwerks oberhalb der Bismarckstraße wird, weiß die Bahn bislang noch nicht.

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