Trauriges Alleinstellungsmerkmal

Kein öffentliches Schwimmbad im Winter

+
Derzeit können noch alle ins Wasser. In der Wintersaison, wenn die Halle drauf ist, dürfen nur noch EOSC-Mitglieder, Schulkinder sowie Vereine schwimmen, die Bahnen im Bad gemietet haben.

Offenbach - Die Mitglieder des Badbetreibers EOSC stimmen der Not gehorchend einem Vertrag mit der Stadt zu, mit dem im Winter die Öffentlichkeit draußen bleibt. Zugleich steigen die Vereinsbeiträge. Von Matthias Dahmer

Noch knapp vier Wochen. Dann wird es ein Novum in der jüngeren Stadtgeschichte geben: Offenbach – und das dürfte ein trauriges Alleinstellungsmerkmal unter den Großstädten der Republik sein – wird in den Wintermonaten über kein öffentliches Schwimmbad mehr verfügen.

Fast einstimmig ermächtigen rund 100 Mitglieder des Badbetreibers EOSC am Donnerstagabend den Vereinsvorstand zum Abschluss eines entsprechenden Vertragswerks mit der Stadt. Die Zustimmung des mit mehr als 2 600 Mitgliedern mit Abstand größten Vereins der Stadt ist formale Voraussetzung, um wirksam werden zu lassen, was die Pleitestadt Offenbach im Zuge ihrer Schutzschirm-Vorgaben ihren Bürgern künftig zumuten wird: Schwimmen für die Öffentlichkeit ist künftig nur noch in der Freibadsaison möglich, im Winter ist das zum Hallenbad umfunktionierte Waldschwimmbad ausschließlich für Schulen und den EOSC beziehungsweise weitere dort trainierende Vereine da. Konkret: Das öffentliche Schwimmen endet in diesem Jahr am 29. September und beginnt spätestens wieder im Mai 2014.

Vereinschef Matthias Wörner und Ex-Oberbürgermeister Walter Suermann, der selbst einige Zeit die Geschicke des Vereins lenkte und an den Vertragsverhandlungen mit der Stadt beteiligt war, erläutern, was den Vorstand letztendlich dazu bewogen hat, einer Vereinbarung zuzustimmen, die den bestehenden Mangel zementiert: Mit dem auf zehn Jahre geschlossenen Vertrag, so Suermann, sei sichergestellt, dass die Stadt das nicht gedeckte Defizit aus dem wirtschaftlichen Betrieb des Bades übernimmt. Einen Seitenhieb kann er sich indes nicht verkneifen: Es gebe zum Beispiel mit der TSG Bürgel Vereine, die keinen Erbbauzins an die Stadt zahlten, „und wir zahlen fleißig“. Aber man wolle keine Gleichbehandlung im Unrecht, sondern eine feste jährliche Zusage.

Beiträge und Öffnungszeiten:

Das Waldschwimmbad ist künftig nur noch in der Sommersaison für die Öffentlichkeit nutzbar (die diesjährige Saison endet am 29. September). Im Winter ist für EOSC-Mitglieder von 6 bis 19 Uhr offen, die Schulen dürfen zwischen 8 und 19 Uhr ins Hallenbad, Trainingsbetrieb ist von 19 bis 22 Uhr. Ab der Sommersaison 2014 gelten folgende Öffnungszeiten fürs Freibad: 6 bis 8 Uhr nur EOSC-Mitglieder, 8 bis 19 Uhr öffentlicher Badebetrieb, 19 bis 22 Uhr Trainingsbetrieb der Vereine. Zugleich führt der EOSC neue, maschinenlesbare Ausweise für seine rund 2 600 Mitglieder ein. Die jährlichen Mitgliedsbeiträge, die jeweils im November des Vorjahres eingezogen werden, steigen wie folgt: > Einzelbeitrag: von 110 Euro auf 144 Euro. > Familien: von 210 auf 252 Euro > Schüler, Studenten, Schwerbehinderte: von 85 Euro auf 96 Euro > Alleinerziehende: von 150 auf 180 Euro > Passive: von 30 auf 36 Euro

Bislang überwies die Stadt jährlich und seit Jahrzehnten unverändert 440 000 Euro für den Badbetrieb an den Verein. In diesem Jahr sollen aufgrund der erforderlichen Fachpersonal-Aufstockung 570 000 Euro fließen, im nächsten 493 000 Euro. Nur: Die diesjährige Aufstockung von 130 000 Euro steht bislang nur im noch nicht genehmigten Nachtragshaushalt, und die Zuschüsse sind generell nur bis Ende 2014 gesichert. „Danach wird von Jahr zu Jahr neu entschieden“, muss EOSC-Vorsitzender Wörner verkünden. Und er räumt ein: Der Verein als Badbetreiber habe schon daran zu beißen, dass die Stadt sich mit der jährlichen Überweisung freikaufe. „Die Stadt investiert nicht, und der Verein haftet für fremdes Eigentum“, so Wörner. Immerhin habe die Stadt, nach fast 14-monatigem Vertragspoker, der haftungsrechtlich nötigen Einstellung einer Fachkraft zugestimmt. Dennoch: „Wir sind keine Bittsteller“, bekräftigte Wörner. Versammlungsleiter Joachim Becker verweist auf Städte wie Karlsruhe oder Bayreuth, wo ebenfalls Vereine ein städtisches Bad betreiben: „Die werden von ihren Kommunen auf Händen getragen.“

Wie sehr der EOSC um das kämpfen muss, was andernorts Selbstverständlichkeiten sind, belegt die gefundene Regelung fürs ohnehin nicht üppige Bad-Personal: Marschrichtung der Stadt war eine Reduzierung der Belegschaft in den Wintermonaten. Erst als die Vereinsspitze die Notwendigkeit einer eingespielten Stammbelegschaft deutlich machte, kam es zu einem Umdenken im Rathaus.

Nun wird das achtköpfige Bad-Team nicht rausgeworfen, es kümmert sich in den Wintermonaten um die Sanierung der sanitären Anlagen. „Das heißt, im nächsten Sommer steht uns die gleiche Mannschaft wieder zur Verfügung“, verkündet Wörner unter Applaus.

Der EOSC muss nicht nur als Badbetreiber, sondern auch als Verein städtische Kröten schlucken: Weil der jährlich zu leistende Vereinsbeitrag an die Stadt von 6 100 Euro auf 12 200 Euro verdoppelt wurde (ursprünglich wollte man im Rathaus sogar 34 000 Euro) und weil der EOSC ein Polster braucht, falls städtische Hilfe ausfällt, wird am Donnerstag eine saftige Beitragserhöhung beschlossen (siehe Kasten). Die stößt nicht auf ungeteilte Zustimmung, wird aber mehrheitlich mit dem Argument akzeptiert, die bisherigen Beiträge seien vergleichsweise niedrig. Und nicht zuletzt zeige der EOSC damit, das er bereit sei, Opfer für den Erhalt des Bades zu bringen.

EOSC: Schwimmer erfolgreich

Die Gastgeber vom EOSC Offenbach zeigten bei ihrem eigenen Wintermeeting im Waldschwimmbad starke Leistungen. Unter anderem entschieden die Offenbacher fünf der sechs Staffelwettbewerbe für sich.

Zum Video

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare