Keine Angst mehr vor der Geburt

Offenbach - Die Geburt ist in vollem Gang. Vor Schmerzen schreit sich die Frau die Seele aus dem Leib. Angst und Verspannung haben die Macht über ihren Körper ergriffen. Die Ärzte dosieren Medikamente nach. Stress überall. Von Veronika Szeherova

Kontrastprogramm: Eine saftige, grüne Blumenwiese. Die Grashalme schaukeln sanft im Wind. Ein Ort der Stille, ein Ort zum Durchatmen. – Doch was hat das mit der gebärenden Frau zu tun? „Jede Frau kann lernen, bei der Geburt zu entspannen und sich mental an diesen friedlichen Ort zu versetzen“, sagt Dr. Toni Singer. „So kann sie mit weniger bis gar keinen Schmerzen entbinden.“

Selbsthypnose für Schwangere ist ein neuer Arbeitsbereich der Psychologin, die seit acht Jahren eine Praxis für Verhaltenstherapie an der Kaiserstraße hat. Ziel ist es, die vorher geübten „Entspannungsreisen“ während der Geburt anzuwenden, um diese so angenehm wie möglich zu machen. „Nicht in allen Kulturen wird so schmerzhaft geboren wie in unserer; bei uns ist das Gebären angstbesetzt“, kritisiert Singer. „Schon allein, wie es stets in Filmen dargestellt wird, mit schreienden Frauen und schmerzverzerrten Gesichtern.“ Dabei sei das ein unnötiges und falsches Bild: „Die Schmerzen entstehen dadurch, dass die Frau Angst hat und sich verspannt. Sie arbeitet somit gegen ihren Körper, der zumacht, anstatt sich zu weiten.“

Erste Ansätze gab es laut Singer schon im 19. Jahrhundert

Die Methode der Selbsthypnose bei der Geburt ist nicht neu, aber in Deutschland bisher kaum bekannt. In den USA wird sie häufiger angewendet, erste Ansätze gab es laut Singer schon im 19. Jahrhundert. „Mit meinem System basiere ich auf bereits jahrelang erforschten Methoden“, stellt die Psychologin klar. Sie distanziert sich von jeglichen Show-Hypnotiseuren und Esoterikern: „Ich wende die medizinische Hypnose an, die zu keinem tiefen Trancezustand führt. Die Freuen sind immer ansprechbar, steuern es selbst, bleiben der Chef und können jederzeit aussteigen.“

Die Geburten verlaufen so laut den Studien schmerzärmer und schneller. Auf chemische Schmerzmittel könne oft sogar ganz verzichtet werden. Singer zieht den Vergleich zu Naturvölkern, die keine Medikamente zur Verfügung haben, aber viel stressfreier und selbstverständlicher an die Geburt herangehen. „Ihre Rituale und Tänze dabei sind wie eine Art Gruppenhypnose. Sie gehen viel natürlicher damit um, wissen einfach, wie man gebärt“, so die 39-Jährige.

Vor drei Jahren machte die Verhaltentherapeutin eine hypnotherapeutische Weiterbildung. Dabei erfuhr sie von der Methode des „Hypnobirthing“, der Geburt unter Hypnose. Ein Thema, das sie gleich fasziniert hat und das sie künftig stärker in ihren Praxisalltag einbauen möchte. „Es ist eine wunderbare Abwechslung zu den Problemen im sonstigen Arbeitsalltag, mit schwangeren Frauen zu arbeiten“, sagt Singer lächelnd. „Man hat es mit glücklichen Menschen zu tun, die sich auf ihr Kind freuen.“ Sonst behandelt die Psychologin hauptsächlich Patienten mit Depressionen und Ängsten.

Ratsam, den Partner mitzubringen

Die Frauen, die bisher zu ihr kamen, waren mindestens im siebten Monat schwanger. „Es ist gut, möglichst noch früher anzufangen, umso mehr Zeit hat man zum Üben“, rät Singer. Denn die Sitzungen bei ihr, meist sind es fünf, sind nur ein kleiner Teil – wichtiger sei es, zuhause weiter an der Hypnose zu arbeiten. Sie bietet für die Schwangeren CDs an, die sie zum Teil direkt bei den Sitzungen aufnimmt. So sind sie individuell angepasst, weil die Hypnotiseurin merkt, worauf die jeweilige Frau gut reagiert. „Bei der Hypnose kann man sich nicht verstellen“, weiß die Therapeutin. Die Schwangeren können die CDs dann zuhause hören und lernen so nach und nach, sich selbst in den Zustand der Entspannung zu versetzen.

Bei mindestens einer Sitzung sei es ratsam, den Partner mitzubringen. „So versteht er, was überhaupt geschieht, und auch, wie er helfen kann“, sagt die Psychologin. „Ich zeige ihm zum Beispiel gewisse Berührungstechniken, die entspannend wirken und bei denen Endorphine ausgeschüttet werden.“ Der Mann könne diese dann bei der Geburt anwenden – und dem Klinikpersonal erklären, was die Partnerin überhaupt macht.

„Zum Glück sind die Bedingungen in den Krankenhäuser nicht mehr so starr wie früher, die Ärzte und Hebammen sind viel offener“, lobt Singer. Um Selbsthypnose bei der Geburt bekannter zu machen, hat sie Flyer erstellt, auf denen sie darüber informiert. Sie schickte diese an zahlreiche Frauenarztpraxen in Offenbach und Frankfurt: „Die Reaktionen waren überwiegend positiv, vor allem von den größeren Praxen. Da bringe ich regelmäßig neue Flyer hin.“ Auch an die Kliniken selbst möchte sie sich künftig wenden. „Ich gehe das nach und nach an, es steckt viel Arbeit dahinter.“

So gern sie sie Arbeit mit den Schwangeren macht, bleibt sie doch realistisch: „Es ist keine Kassenleistung, sondern sozusagen eine Wellnessleistung. In Offenbach ist die Klientel dafür nicht sehr groß.“ In dem dreiviertel Jahr, seit sie Schwangeren-Selbsthypnose anbietet, haben fünf ihrer Frauen entbunden. „Sie haben alle gute Geburten gehabt“, freut sich Singer. Selbst hat sie noch keine Kinder. Sie lacht: „Aber wenn ich welche kriege, dann werde ich’s anwenden!“

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