Klinikum-Verkauf

Einzelheiten gibt’s keine

Offenbach - So mancher der rund 150 anwesenden Mitarbeiter traute am Donnerstagsvormittag seinen Ohren nicht: Die Stadt wird aus dem unvermeidlichen Verkauf ihres Klinikums keinen Erlös erzielen. Von Harald H. Richter und Thomas Kirstein

Schlimmer noch: Offenbach darf noch draufzahlen, wenn ein Bieter das Krankenhaus übernimmt.

Dafür, so wird den Mitarbeitern bei einer außerordentlichen Personalversammlung vom Aufsichtsratschef, Bürgermeister Peter Schneider, versichert, werde der neue Eigentümer in der Pflicht stehen, das Haus als Maximalversorger zu erhalten, erhebliche Summen investieren und innerhalb eines Zehnjahreszeitraums alles Erdenkliche tun, um eine Insolvenz abzuwenden.

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Bei der Versammlung herrscht aber in Reihen der Belegschaft ungläubiges Staunen ob der Nachrichten, mit denen Klinikum-Geschäftsführerin Franziska Mecke-Bilz, der Ärztliche Direktor Prof. Norbert Rilinger sowie Bürgermeister und Klinikdezernent Peter Schneider (Grüne) aufwarten. Die Information der Beschäftigten - so der übereinstimmende Tenor im Nachklang – fand zwar in insgesamt sachlicher Grundstimmung statt.

Deutlicher Unmut spürbar

Doch spürten die Informierenden deutlichen Unmut darüber, dass nach dem schmerzlichen Sanierungsprozess der vergangenen Monate das Klinikum nun einem privaten Käufer in einen mit Millionen Euro gefütterten Schoß gelegt wird.

„Ein Kaufangebot mit negativem Preis, das hätte ich im Leben nicht erwartet“, empörte sich ein Belegschaftsmitglied. Betriebsratschef Holger Renke äußerte Verständnis, dass es beim Personal rumort. Ungehalten sind die Beschäftigten vor allem darüber, dass auch diesmal keine Aussage darüber zu hören war, wer die Kaufinteressenten sind.

Mit Rücksicht auf die „sensible Phase“ im laufenden Verfahren, das in den Händen des Verkaufsbevollmächtigten Prof. Friedrich Grimminger lag, herrscht darüber weiter Stillschweigen – aus Angst vor Regress.

Von zunächst acht stehen zwei Bewerber in der Endauswahl, beides private Klinikbetreiber, wobei einer ganz deutlich vom Magistrat favorisiert wird. Auch Bürgermeister Peter Schneider bittet um Verständnis, dass der Magistrat keine Einzelheiten nennen dürfe. Erst am 2. Mai, nachdem die Stadtverordneten beschlossen haben, darf der Name öffentlich werden.

Weiter Sorge um Bestand der Arbeitsplätze

Danach dürfte die nicht erst seit dem später abgebrochenen Markterkundungsverfahren und einer Fast-Pleite im November genährte Sorge der Mitarbeiter um den Fortbestand ihrer Arbeitsplätze keineswegs vom Tisch sein. Obwohl erneut betont wird, dass nach einer Übernahme Entlassungen im großen Stil nicht zu befürchten seien. Wer auch immer den Zuschlag erhalten werde, müsse sich seiner Verantwortung für die Aufrechterhaltung der medizinischen Versorgung ebenso bewusst sein wie für das Personal in seiner Gesamtheit, so Betriebsratschef Renke. Als Interessenvertreter der Beschäftigten wolle er seiner Linie eines konstruktiven Umgangs treu bleiben.

Geschäftsführerin Franziska Mecke-Bilz unterstrich gegenüber unserer Zeitung, man werde weiterhin auf größtmögliche Transparenz in der Sache setzen. Die 2300 Beschäftigten, die nach schwierigen Monaten immer noch jeden Tag ihre verantwortungsvolle Arbeit für die Patienten leisteten, hätten Anspruch auf umfassende Unterrichtung.

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Ob der Verkaufsbevollmächtigte das Erstaunen über den Null-Erlös hätte mildern können, bleibt offen. Prof. Grimminger hatte am Vortag versucht, mit der Annahme aufzuräumen, ein Klinikverkauf sei mit anderen Geschäften vergleichbar: Tatsächlich sei ein Maximal-Krankenhaus keine Immobilienanlage mit einem Wert, sondern das Versprechen einer Stadt an ihre Bevölkerung, sie medizinisch umfassend zu versorgen. Der Verkäufer nennt die Offenbacher Klinik das „am wenigsten sanierbare Krankenhaus in der Republik“, räumt ein, die gefundene Lösung sei teuer, auch weil der Stadt betriebswirtschaftliche Risiken für die Zukunft abgenommen würden und jemand anders das Krankenhaus für einen weiteren dreistelligen Millionenbetrag fertig baue. Von einer geordneten Insolvenz, wie sie bei manchen in der Stadt durchaus für beherrschbar betrachtet wird, hält Prof. Grimminger nichts: Die Folge wäre letztlich der Versorgungskollaps.

So kriegt die Stadt nichts, was die von ihr zu übernehmenden Alt- und Neubauschulden vermindern würde. Zwischen 250 und 450 Millionen Euro werden ihre Gesamtlasten wohl deutlich über eine Milliarde treiben. Da fällt es nicht mehr besonders ins Gewicht, dass die Stadt auch noch das Eigenkapital des Klinikums auffüllen muss: Wäre im Vertrag ein am Stichtag 31. Dezember 2012 bei Null liegendes Eigenkapital festgeschrieben, hätte die Stadt dazu fehlende 16 Millionen nachzuzahlen. Tatsächlich dürfte es – eine Obergrenze soll immerhin vereinbart sein – nicht nur ein wenig mehr werden.

Rubriklistenbild: © dpa

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