Keine Zeit für Kleinkinder?

Offenbach -  Es ist eine kleine Anzeige in der Rubrik „Familie“: Dr. Eva Schweg-Toffler, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, teilt mit, dass sie ihre Praxis nach 30 Jahren schließt. Von Martin Kuhn

Trotz intensiver Bemühungen konnte ich keine Nachfolge finden.“ Eine Nachricht mit Zündstoff und für die verbliebenen Kinderärzte in Offenbach eine „unbefriedigende und prekäre Situation“. Sprich: volle Terminkalender. Die kleinen Patienten beziehungsweise deren Eltern werden vertröstet. Ein Kinderarzt spricht von sechs bis sieben solcher Telefonate - pro Tag. Er nimmt lediglich akut erkrankte Buben und Mädchen an. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) sieht’s entspannt: Offenbach sei ohnehin überversorgt.

Hintergrund: Die Niederlassungs-Möglichkeiten der Ärzte, die an der kassenärztlichen Versorgung teilnehmen wollen, werden gesetzlich kontingentiert. Die gesetzlichen Zulassungsbeschränkungen sollen Über- und Unterversorgung mit Vertragsärzten vermeiden. Die KV Hessen stützt sich in diesem Fall auf den aktuellen Bedarfsplan; Stand 20. August 2009. Für den Planungsbereich sind 10 Kinderärzte verzeichnet, die Grenze der Überversorgung liegt rechnerisch bei 9,22 Ärzten. „Also ist Offenbach mit nun 9 Kinderärzten bestens versorgt“, sagt KV-Sprecher Karl Matthias Roth. Er spricht jedoch nur für die rein statistische Seite; für mehr sei die KV nicht zuständig.

Was er mit „Unschärfen“ und „einer nicht linearen Verteilung“ umschreibt, offenbart mitunter ein Blick in die Wartezimmer. Ohnehin sprechen die Offenbacher von nur sechs Kollegen in der Stadt - eine erhebliche Diskrepanz. „Nicht unbedingt“, sagt KV-Mann Roth und weist auf die Nachbarschaft Offenbachs hin, „unser Planungsbereich orientiert sich nicht immer an Stadtgrenzen.“

Für Offenbach ist davon unabhängig eine ganz andere Rechnung aufzumachen

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte sagt: „Wir sind die Hausärzte von der Geburt bis zum vollendeten 18. Lebensjahr.“ Das lokale Amt für Statistik listet allein für diese Altersspanne etwa 22 000 Personen auf; Stand 31. Dezember 2008. Ein Offenbacher Kinderarzt warnt: „Es dürfte vor allem für ältere Kinder schwierig werden, einen neuen Arzt zu finden.“

Der Verein „Paednetz“ Frankfurt und Umgebung, der die haus- und fachärztliche Versorgung von Kindern und Jugendlichen erhalten will, geht noch weiter: „Wir sind in ernster Sorge um den Bestand der ambulanten medizinischen Versorgung von Kindern.“ Der Verein fürchtet das Aus für eine „wohnortnahe ambulante Kinderheilkunde“; die Gesundheitsreform setze vorrangig auf medizinische Versorgungszentren. Befürchtung: Die Prävention bleibt auf der Strecke.

Es hat den Anschein, dass dies mit Macht vorangetrieben wird. „Paednetz“ verteilt bereits Handzettel an alle Patienten: „Auch nach der neuesten Reform der ärztlichen Honorare bleibt die Tätigkeit der niedergelassenen Kinder- und Jugendärzte unterbezahlt.“ Per Regelleistungsvolumen werde jedem Kinder- und Jugendarzt für einen Patienten eine Pauschale von derzeit zwölf Euro pro Monat zur Verfügung gestellt - unabhängig davon, wie häufig eine Untersuchung oder Behandlung erfolgen muss. Vorsorgen, Impfungen und einige andere Leistungen werden extra honoriert.

Und: Der Arzt haftet persönlich bei Überschreitung festgelegter Budgets für die Verordnung von Krankengymnastik, Ergotherapie oder Logopädie. „Unter diesen Umständen bleiben Gespräche und andere zuwendungsintensive Leistungen auf der Strecke.“ Die Bitte an die Eltern lässt sich so formulieren: „Sprechen Sie mit ihren Politikern und Kandidaten des Bundestages über Risiken und Nebenwirkungen.“

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