Ein Leben an der Aschaffenburger Straße 11

Keiner Mode hinterher

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In seinem Hinterhofladen verkauft Willy Röder vor allem Handtaschen und Kleinlederwaren.

Offenbach - Wer an Offenbach denkt, denkt auch an Leder. Obwohl die Blütezeit des Handwerks schon mehr als dreißig Jahre zurückliegt, gibt es sie auch heute noch: Kleine Läden, die sich massiv gegen die Vorherrschaft der asiatischen Großindustrie wehren. Von Eva-Maria Lill

Einer davon: BB Lederwaren an der Aschaffenburger Straße 11. „Schau’n Se mal“, Willy Röder schiebt einen kleinen Zettel über den Tisch und grinst. Darauf steht: „Jetzt in Mode: Feminine Daybags, Pretty Perfect Audrey Hepburn.“ Englisches Kauderwelsch par excellence. Bitte was ? „Das sind die Trends, die der Modeausschuss Lederwaren für die nächste Saison festgestellt hat. Danach sollen wir uns richten“, klärt der Feintäschner-Meister auf. Er lehnt sich auf dem Stuhl zurück, sein Blick schweift über voll bestückte Regale. „Aber wir können unmöglich jeder Mode hinterherrennen. Nicht in unserer Lage.“

Die hiesige Lederwarenindustrie macht schwere Zeiten durch. Kein Wunder: Der Druck der asiatischen Großindustrie steigt seit Ende der siebziger Jahre. Damals gab es noch Lädchen und Fabriken an jeder Ecke. Heute ist Röder einer der letzten seiner Art. „Wenn ich darüber nachdenke, dauerte der Boom der Branche nur zehn Jahre. Damals kam es mir vor wie ein halbes Leben“, erinnert sich der 64-Jährige.

1983 legt er seine Meisterprüfung ab, ein Jahr, in dem noch jede helfende Hand gebraucht wird. Es arbeiteten über 20 Mitarbeiter in der Firma, die sein Großvater Wilhelm Bart und Onkel Theo Bauer 1951 gründeten. Topabnehmer wie Audi, Jill Sander oder Rudolf Moshammer stehen auf der Kundenliste. Vieles hat sich geändert: „Heutzutage können die meisten ein angemessenes Preis-Leistungsverhältnis nicht mehr abschätzen“, bedauert Röder.

Das Internet ist schuld

Schuld sei vor allem das Internet: Auf den schillernd abfotografierten Produktbildern könne selbst ein Profi kaum zwischen einer 60- und einer 600-Euro-Tasche unterscheiden. „Wenn ich dann noch lese: Echtes Skai-Leder, zweifel ich an meinem Verstand.“ Der Endverbraucher wird mit Begriffen zugeworfen, die ihm Qualität suggerieren. Dabei ist Skai bloß Ersatzstoff. Gutes Standartleder kostet mindestens 40 Euro pro Quadratmeter – und das in unbearbeitetem Zustand. Röder nutzt hauptsächlich Häute aus Italien und Süddeutschland. Markennamen spielen für ihn keine Rolle: „Ich erinnere mich noch an eine Reise nach Indien. In einem Laden zog der Verkäufer hinterm Tresen eine Schublade auf und fragte: Welche Marke hätten Sie gern? Ich kann Ihnen alles aufnähen.“

Etwa 40 verschiedene Taschenmodelle führt BB Lederwaren in unterschiedlichen Farben, fünf Festangestellte nähen die Modeaccessoires. Auch Produktentwürfe fertigt Röder für seine Kunden: Vom ausgefallenen Werbemittel bis hin zur Skihalterung und Brillensammelbox. Den Weg in den Lagerverkauf finden hauptsächlich Einzelstücke von Großbestellungen, aber auch Rückläufer von Modeschauen. Der Renner: Taschen mit dem Bieberer Amulett, die liefert er sogar bis nach Japan. Auch Beutel, deren Farbe per Klettverschlussüberwurf verändert werden kann, laufen gut.

Lederwarenmesse in Offenbach

Lederwaren-Messe in Offenbach

Doch woran erkennt der Laie denn nun Qualität? Zum Beispiel am Innenfutter: Papier reißt schnell, besser sind Wirrfaserstoffe. Auch die Reparaturfreundlichkeit ist wichtig. Schwachstellen sind die Ringe am Trageriemen oder Kanten. Dort schabt gern die Farbe ab, wenn nicht aufwendig gearbeitet wurde. „Qualitätsprodukte ziehen etwa 14 Tage in einem Färbe-Fass durch. Bei Billigtaschen werden die Rändern einfach mit einem Pinsel übermalt.“

Auch wenn Röder sich nicht unbedingt an den „Pretty Perfect“-Vorschlägen orientiert, geht er mit der Zeit: „Bei einem Milchkaffee in Meran findet sich die ein oder andere Idee“, schmunzelt der Inhaber. Und wenn nicht: „Mailand, New York, Paris? Ach was, gute Mode kann man auch an der Aschaffenburger Straße erfinden.“

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