„Keiner sagt: Die spinnen“

Offenbach ‐ Als die Frau zur Beratung kam, hatte sie die Nachrichten schon eine ganze Weile gescheut. „Ich kann den Fernseher einfach nicht anschalten“, sagte sie; da komme zu viel hoch. Die jüngsten Erfahrungswerte der Offenbacher Pro Familia-Beratungsstelle lassen auf viele solche Menschen schließen, deren über Jahre im Innern verschlossenen Ängste nun nach außen drängen. Von Barbara Hoven

Schon kurz nach den ersten Medienberichten über den sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen, erklärt Beraterin Bettina Witte de Galbassini, habe das Telefon deutlich häufiger als zuvor geklingelt. Seit mehr als 20 Jahren bietet Pro Familia Beratungen zum Thema sexueller Gewalt an. Bisher sprachen jährlich etwa 70 Menschen vor; jetzt seien es wöchentlich drei oder mehr neue Fälle.

Konkrete Missbrauchsfälle in Schulen oder Internaten wurden aktuell nicht an die Beraterinnen Witte de Galbassini, Ria Ellers und Brigitte Kordts-Szustak herangetragen. Allein: Vorfälle, etwa auf Klassenfahrten, gebe es. „Es geht immer häufiger um Schüler untereinander - Jungs filmen Mädchen mit dem Handy, deuten oder drohen eine Vergewaltigung an, stellen die Bilder ins Internet.“ Gründe? „Es kann so vieles schief laufen in der Erziehung. Erwachsene gucken Pornos mit dem Kind, masturbieren vor dem Kind, laufen nackt herum.“ Auch deshalb gilt Sexualpädagogik als wichtiger Arbeitsbereich.

Pädagogen, die kämen von sich aus. „Wir haben hier oft mit Erziehern und Lehrern auf der Suche nach Unterstützung im Umgang mit dem Thema zu tun. Oder sie wollen konkret Rat und Hilfe, weil sie Merkwürdiges bei ihren Schülern wahrnehmen.“ Auch beunruhigte Eltern fragen nach.

Die meisten Vorfälle passieren im sozialen Nahraum

Kordts: „Wenn es einen konkreten Vorfall gab, kommen Erzieherinnen zu uns, die mit aufgeregten Eltern umgehen müssen.“ Aufregung, die helfe „niemandem, am wenigsten den Kindern.

Andererseits erkennen die Beraterinnen einen Vorteil in der Medienpräsenz. „Was gut ist: Heute sagt keiner mehr: Die spinnen doch, wenn Opfer den Mund aufmachen. Das ist für die Verarbeitung wichtig.“ Deshalb sei es für „Menschen, in denen das jetzt hochkommt, gut, sich an eine Institution zu wenden“.

Die jahrelange Arbeit zum Thema sexuelle Gewalt habe ja auch etwas verändert. Das Bewusstsein für Gefahren leider noch nicht ganz. „Was die Eltern so an Bedrohung im Kopf haben (…böser schwarzer Mann, der auf dem Spielplatz lauert…) ist nicht das Problem.“ Die meisten Vorfälle passierten im sozialen Nahraum. Und nur selten gehe es um „Gewalt in Reinform“. Oft passiere es durch „ganz sanfte Menschen, die das Vertrauen der Kinder genießen“. Eltern müssten also sensibel und wachsam sein.

Infoabend für Eltern am Donnerstag, 15. April

Darum wird es auch morgigen Donnerstag gehen. Um 19.30 Uhr läuft in der Domstraße 43 ein Infoabend für Eltern, die wissen möchten, wie sie ihr Kind vor sexuellen Übergriffen schützen können. Beratungen, kostenlos und bei Bedarf anonym, sind jederzeit möglich. Kontakt: 069 85096800.

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