Gratwanderung zwischen Geschäft und Tradition

Kerbborsch versus Autoscooter

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Tradition hin oder her, die Kinder erfreuen sich vor allem an den Fahrgeschäften. Wie der dreijährige Nick, der sich wie ein großer Feuerwehrmann fühlt.

Offenbach - Alljährlich im August werden am Ostendplatz in Bieber die Fahrgeschäfte und Buden aufgebaut. Auch jetzt wird dort Kerb gefeiert. Eine Gratwanderung zwischen Geschäft und Tradition. Von David Heisig

Kerb, Kerwa oder Kilwi. Die traditionelle Kirchweih hat viele Namen. Je nach Landstrich. Gefeiert wird immer das Gedenken an die Einweihung eines christlichen Gotteshauses. Heute hat der kirchliche Kontext vielerorts an Bedeutung verloren. Hell wird er von den Leuchtreklamen der Fahrgeschäfte überstrahlt oder vom Popcorngeruch überdeckt. In vielen Köpfen ist die Kerb als Rummel implementiert.

Auch in Bieber werden alljährlich am Ostendplatz die Buden aufgebaut, das Popcorn zubereitet und die Bratwurst verkauft. Den Kindern und Junggebliebenen gefällt’s. „Es sind ja noch Ferien“, meint eine Dame, die gerade ihrer Tochter ein Billet für das Karussell kauft, lachend. Zwei Euro kostet die rund einminütige Fahrt. „Da schaut man mal nicht so aufs Geld“, ergänzt sie. Für Schausteller Peter Stein sind die Kinder neben dem Wetter der wichtigste Faktor für ein gelungenes Geschäft. Er hat mit der Interessengemeinschaft Bieberer Ortsvereine (IGBOV) eine Vereinbarung über die Ausrichtung der Kerb getroffen. Veranstalter ist die IGBOV, sie beantragt die notwendigen Genehmigungen. Stein organisiert die Schausteller und zahlt einen festen Betrag in die Kassen der Bieberer Vereine. Neudeutsch: eine Win-win-Situation. Die lokalen Kerbveranstaltungen habe die Stadt in der Ära des früheren Oberbürgermeisters Gerhard Grandke aus der Hand gegeben, erzählt Georg Wagner von der IGBOV. Die Organisation sei damals den Vereinsringen in den Stadtteilen übertragen worden.

„Wir müssen das Geld von April bis Ende Oktober erwirtschaften“, erzählt Schausteller Stein. Wenn es da nicht so laufe, habe man ein Problem. Bieber sei da ein wichtiger Termin in der Kerbsaison. Zumindest gut gefüllt ist es am Wochenende: Zahlreiche Besucher tummeln sich an den Buden und rund um den Autoscooter.

Eine Puppe auf einem Bollerwagen

Im Bollerwagen zieht der Kerbborsch aufs Festgelände, in seinem Gefolge die Blaskapelle des Musikvereins Eintracht.

Alt eingesessene Bieberer erinnern sich noch an eine große Kerb. Damals auf dem Sportplatz an der Würzburger Straße. Da habe es sogar eine Jaguarbahn gegeben, hört man aus den Reihen. So ein rasantes Fahrgeschäft gibt es 2013 nicht mehr. Auch Platz für ein Riesenrad ist nicht. Die Leute haben dennoch ihren Spaß. „Es waren vor allem die Vorfahren, die diese Tradition hochhielten“, sagt Wagner. Und mit der Gesellschaftsstruktur habe sich auch die Einstellung zur Tradition gewandelt. „Für viele ist es eben mehr der Rummelplatz als das Fest der Kirchweihe.“

In Gemeinden im Kreis gibt es sie noch, die „Kerbborsche“, die die Organisation des Festes stemmen und zu denen zu gehören, für junge Männer Ehrensache und Pflicht ist. Oder die Kerbbäume als weithin sichtbares Zeichen der Festivität. Der Bieberer Kerbborsch macht nicht so viel her – ist er doch eine Puppe auf einem Bollerwagen. Dennoch erfüllt er eine wichtige Aufgabe. Immer am Kerb-Freitag zieht er voran vom Pfarrheim zum Ostendplatz. Ihm folgen die Bieberer zur Musik des Musikvereins Eintracht. „Nicht deine Musik, was?“, fragt ein Opa seinen Enkel lachend.

Auf dem Festplatz angekommen, werden Kerbbosch und Gefolge erst einmal gar nicht wahrgenommen. Dennoch ist der traditionelle Teil für die Vereine wichtig. „Der Ursprung liegt hier am Gotteshaus“, erzählt Wagner. Daher beginnt der Umzug auch dort. Früher habe es einen längeren gegeben, über die Aschaffenburger Straße zum Festplatz. Ein Aufwand, der sich heute laut Wagner nicht mehr lohne. Die Bieberer wollten dennoch die kurze Variante weiterführen.

Das Traditionelle jenseits von Neonröhren und Autoscooter wird am Kerbsonntag in St. Nikolaus gefeiert. Rund um den Kirchturm begeht die Gemeinde die eigentliche Kirchweih. Wie jedes Jahr am Sonntag nach Maria Himmelfahrt, einem hohen kirchlichen Feiertag. Am Kerbmontag steht ein gemeinsamer Gang auf den Bieberer Friedhof an. Dann endet dienstags auch der Rummel auf dem Ostendplatz.

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