Im Kerker der Sprachlosigkeit

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Bürgermeisterin und Schirmherrin Birgit Simon gratulierte der Aphasiker-Selbsthilfegruppe mit Worten und 150 Euro zum 20. Geburtstag. Von links: Simon, Vorsitzende Birgit Altmann und Ursula Schneider, Beate Hanack-Schmid und Karin Borgwald.

Offenbach - Im Gegensatz zum an ein Wunder grenzenden Umstand, dass Beate Hanack-Schmid ihre letzten 30 Geburtstage überhaupt feiern konnte, ist ihre Anwesenheit beim 20-Jahre-Fest der Aphasiker-Selbsthilfegruppe für Stadt und Kreis Offenbach am Wochenende keine allzu große Überraschung. Hanack-Schmid hat die Gruppe im April 1989 gegründet. Von Barbara Hoven

Die beiden Offenbacher Sprachheilpädagoginnen fanden damals, „dass unsere Patientin eine Aufgabe kriegen sollte, die sie ausfüllt“.

Sie hat sie bekommen. Und die Dankbarkeit und den Respekt vieler Menschen, die nach einem Schlaganfall, einem Unfall oder einer Hirnerkrankung eine Aphasie erlitten haben, noch dazu.

Das zeigt sich jetzt wieder. Die Frau, die alles begonnen hat, sitzt sichtlich gerührt zwischen gut zwei Dutzend anderen Gästen und Gratulanten und freut sich über den Applaus. Für das Jubiläum „ihrer“ Gruppe ist die heute 60-Jährige aus Ulm angereist. An die Donau hat es sie 1992 verschlagen, nachdem sie dort bei einem von ihr organisierten Aphasikerseminar ihren heutigen Ehemann Franz, ebenfalls ein Betroffener, kennen gelernt hatte. Die Leitung der Offenbacher Gruppe übergab sie damals an Lucy Trenkel, die zum Jahrtausendwechsel von Birgit Altmann und Ilse Schwenninger abgelöst wurde. Letztere wiederum ist seit drei Jahren Vorsitzende des hessischen Landesverbandes der Aphasiker. Und natürlich ist auch sie jetzt zu Gast im Anni-Emmerling-Haus.

Hier zwischen Rumpenheim und Waldheim hat die Gruppe ein Domizil für ihre Treffen gefunden. An jedem dritten Samstag im Monat um 14.30 Uhr kommen etwa ein Dutzend Aphasiker und Angehörige zwischen 60 und 87 Jahren zusammen. Und wenn Altmann erklärt, dass „wir dringend jüngere Leute gebrauchen könnten“, so widerspricht das keineswegs dem sehnlichen Wunsch der Gruppe, dass Aphasie möglichst niemanden treffen sollte, Alte nicht und Junge nicht. Weil das aber ein Wunsch bleibt, sei es umso bedauerlicher, „dass viele den Schritt in eine Selbsthilfegruppe scheuen“, sagt Altmann.

Betroffene brauchen Geduld und Hilfe

Aphasie bedeutet Gefangenschaft im Kerker der Sprachlosigkeit, oft für lange Zeit. Schwierigkeiten beim Sprechen, beim Verstehen, weil Wörter nicht sicher eingeordnet werden können, beim Schreiben, Lesen, Rechnen - all das sind Auswirkungen von Aphasie. Außerdem leiden Betroffene oft an halbseitiger Lähmung, an einer Sehbehinderung, können ihre Bewegungen oder Sprechmotorik nur schwer koordinieren. „Betroffene brauchen viel Hilfe, viel Geduld, viele Übungsmöglichkeiten, viel Verständnis aus ihrem Umfeld. Und eine informierte Öffentlichkeit“, erklärt Altmann. „Die Gruppe gibt ihnen Sicherheit, denn hier sie sind mit ihrem Schicksal nicht alleine und können sich so geben, wie sie eben sind - schwer zu verstehen oder, seltener, für immer verstummt.“

Zu hören sind bei der Jubiläumsfeier Geschichten wie die von Gründungsmitglied Reinhold R., der seit seinem Schlaganfall vor 23 Jahren nie wieder hat sprechen können. Sieben Jahre lang hatte er ständig geweint, bis seiner Frau der Kragen platzte und sie ihm mit der Unterbringung im Heim drohte. „Das hat geholfen, und heute kennen wir ihn nur noch lachend“, erzählt Birgit Altmann und macht deutlich, dass Aphasie auch die Angehörigen trifft: „Seine Frau steht ihm all die Jahre treu zur Seite, aber das Schlimmste für sie ist, dass sie keinen Gesprächspartner mehr hat und alles alleine bewältigen muss.“ Da brauche man Energie, Willensstärke, Zuspruch. Schon deshalb, findet Altmann, sei „die Selbsthilfe als Ergänzung zur medizinischen Versorgung aus der Rehabilitation nicht mehr wegzudenken“.

Glaubt auch Bürgermeisterin Birgit Simon, die die Schirmherrschaft übernommen und zur Feier eine kleine Finanzspritze für den nächsten Ausflug der Gruppe mitgebracht hat.

Auf Interesse stößt bei den Selbsthelfern ein Bericht unserer Zeitung, in dem sich ein Aphasie-Patient darüber beklagt, dass die AOK seine Gruppentherapie bei einer Logopädin nicht weiter bezahlen will. Altmann: „Ich finde es schade, so etwas zu lesen, und frage mich, warum solche Leute nicht den Weg zu uns finden. Da wären sie richtig aufgehoben und bekämen Unterstützung.“

Der bewegendste Moment der Feier: Beate Hanack-Schmidt spricht zu den Gästen. Ihre Worte hat sie auf einem Zettel vorbereitet. Sie liest langsam ab, erzählt oft stockend von den Anfängen der Gruppe. Sie erhält viel Beifall und schüttelt vielen die linke Hand - denn ihre rechte hängt seit ihrem Schlaganfall vor 30 Jahren regungslos herunter.

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