Mindestlöhnen, Leiharbeit und Altersarmut

Kernbelegschaft als Randerscheinung

SPD-Politikerin Uta Zapf

Offenbach - „Neue Ordnung am Arbeitsmarkt“ – dieses Motto beinhaltet, dass etwas in Unordnung gekommen sein muss, dass es aufzuräumen gilt. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Der SPD-Bundestagsabgeordneten Uta Zapf ist diese Misere Grund für eine öffentliche Diskussion, zu der sie für Dienstagabend in die Cafeteria des Ledermuseums einlud.

Dass nur drei Dutzend Bürger der Einladung folgen, ist wohl den tropischen Temperaturen geschuldet, weniger der Brisanz des Themas. Die ist unumstritten dramatisch. Drei Referenten bringen in Kurzvorträgen die aktuelle Sachlage zu Mindestlöhnen, Leiharbeit, Altersarmut und Co. auf den Punkt.

Gewerkschaftssekretär Stefan Rebmann ist SPD-Mitglied im Rechtsausschuss und Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit im Bundestag. Als „gläserner Abgeordneter“ veröffentlicht er auf seiner Internetseite detailliert sämtliche Bezüge, Einnahmen und Altersversorgung. „Ich bin durch und durch Gewerkschafter“, behauptet der Mannheimer von sich, „und in Plenarsitzungen bei Arbeitsmarktthemen immer dabei.“

Kehrseite der Medaille

Dass etwas in Unordnung gekommen ist, zeigt für ihn das Reizthema Managergehälter. Um den Zuhörern die Dimensionen zu verdeutlichen, rechnet Rebmann vor: „Stellen Sie sich einen Stapel 50-Euro-Scheine vor. Die Jahresrente eines Eckrentners wäre 2,8 Zentimeter hoch, das Durchschnittseinkommen eines Arbeitnehmers 6,1 Zentimeter. Die Antrittsprämie des Vorstandschefs Utz Claassen für 74 Tage bei der Pleitefirma Solar Millenium wäre 18,4 Meter hoch, das entspricht 9,2 Millionen Euro.“

Kehrseite der Medaille: Exorbitante Zuwachsraten bei Minijobs, Leiharbeit, die die Kern- zur Randbelegschaft macht, und ein Niedriglohnsektor, der nicht mehr in den Griff zu bekommen sei. „87 Prozent der Bevölkerung sind für den Mindestlohn, trotzdem tut sich die Kanzlerin schwer und will allenfalls eine Lohnuntergrenze“, resümiert Rebmann. Die Folgen spürt er in der eigenen Familie: Seine Tochter bringt als Optikerin und stellvertretende Filialleiterin 1150 Euro netto nach Hause.

Am Beispiel der aufgeweichten Ladenschlusszeiten zeigt Stefan Körzell, Vorsitzender des DGB Hessen-Thüringen, die prekäre Situation: „Den Kollegen wurden die Arbeitszeiten herunter gekündigt, die verlängerten Öffnungszeiten werden mit Minijobbern aufgefüllt.“ Allein in Hessen gebe es 83.800 Aufstocker, 40.000 davon sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Bundesweit arbeiteten sieben Millionen Menschen im Niedriglohnsektor, eine Millionen davon zu Stundenlöhnen unter fünf Euro und 600.000 sogar für 3,50 Euro.

Gegner des Sonntagsverkaufs

„Die Probleme werden von der Regierung zwar erkannt, aber diese verhält sich wie eine Nichtregierungsorganisation“, so Körzell. 40 Prozent der FDP-Politiker seien Juristen; in der Berufsgruppe sind Kostensätze festgelegt. „Warum geht das nicht für andere Beschäftigungen?“ fragt der Gewerkschafter.

Als Gegner des Sonntagsverkaufs erklärt sich auch Dirk Gene Hagelstein, stellvertretender Vorsitzender der SPD im Kreis Offenbach. „Wer glaubt, er hat Geld gespart, wenn er sich für zehn Euro die Haare schneiden lässt, der irrt. Die Differenz zahlen wir alle!“, rechnet der Neu-Isenburger vor. Besonders prekär: In seiner reichen Heimatstadt müssen täglich 130 Menschen die Tafel in Anspruch nehmen, um satt zu werden.

In der anschließenden Diskussion zeigt sich, was die Bürger bewegt: Zuzug von Arbeitern aus Südosteuropa, beispielhafte Leiharbeit in Skandinavien, Rentenbürokratie und Existenzprobleme der jungen Generation.

150 Jahre Sozialdemokratie: Geschichte der SPD

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