Zum Wohle der Patienten

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Der hessische Sozialminister Stefan Grüttner, Spiegelautor Matthias Matussek und Chefarzt Stephan Sahm (von links) gaben in ihren Vorträgen viel Stoff zum Nachdenken.

Offenbach - Es hätte befremdet, wenn das Ketteler-Krankenhaus den 200. Geburtstag seines Namensgebers Wilhelm Emmanuel von Ketteler (1811-1873) mit einer belanglosen Feier gewürdigt hätte. Von Lothar R. Braun

Und so zogen die Verantwortlichen der Klinik ein Symposium mit dem Titel „Perspektiven eines christlichen Krankenhauses“ vor.

Der durch seine sozialen Reformideen und als politischer Katholik bekannt gewordene Ketteler war von 1840 an Bischof in Mainz. Zum Symposium am Samstag im Klingspormuseum konnten Bernhard Franzreb, Geschäftsführer des Katholischen Klinikverbunds Südhessen, und Prof. Dr. Vittorio Paolucci, der Ärztliche Direktor des Hauses, ein dicht gedrängtes Auditorium begrüßen.

Zu den im Titel genannten Perspektiven hörten die Besucher einen Vortrag von Thomas Vorkamp, dem Geschäftsführer des Katholischen Krankenhausverbundes in Deutschland. Er betrachtete die Stellung kirchlicher Krankenhäuser in der deutschen Gesundheitslandschaft. Der Krankenhaus-Perspektiven aus politischer Sicht nahm sich der hessische Sozialminister Stefan Grüttner an. Sein Blick in die Zukunft des Krankenhauswesens erkennt „regionales Denken“ und einen „Wettbewerb der Netzwerke“, die den Wettbewerb einzelner Kliniken ablösen wird. Alles tendiere zu Verbundlösungen, bei denen Kliniken sich in enger Zusammenarbeit mit anderen Häusern jeweils auf bestimmte Krankheiten oder Organe spezialisierten: „Es muss nicht jeder alles machen“.

Damit könnten die Kliniken Organisationsformen entwickeln, die dem Arzt mehr Zeit für die Beschäftigung mit den Patienten verschaffen. Dabei sollten die Kliniken nicht nur untereinander vernetzt sein, sondern auch mit den niedergelassenen Ärzten und sozialen Dienstleistern.

Doch es sollte der Blick auch auf aktuelle Konfliktfelder der medizinischen Ethik gelenkt werden. Privatdozent Dr. Stephan Sahm, Chefarzt der Medizinischen Klinik I im Ketteler-Krankenhaus, nahm sich einer umstrittenen Frage an: der ärztlichen Sterbebegleitung und des Beistands beim Suizid unheilbar Schwerkranker.

Es ist ein aktuelles Thema, nicht nur in Diskussionen der deutschen Ärzteschaft. Sahm gehört zu den Medizinern, für die Suizidbeistand nicht mit dem ärztlichen Selbstverständnis zu vereinbaren ist. Er widerspricht der Ansicht, in einer freien Gesellschaft müsse das Recht des Patienten auf Selbstbestimmung respektiert werden, und das erlaube Assistenz bei einer Selbsttötung: „Freie Menschen sollen den Zeitpunkt des Todes bestimmen dürfen? Das trifft nicht die Wirklichkeit. Angesichts schwerer Krankheit erweisen sich Selbstbestimmung und Sterbewünsche als höchst ambivalent, wie jeder weiß, der mit Todkranken Umgang hat.“ Ein ähnliches Ethikproblem behandelte der Moraltheologe Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff: Wie verhält es sich mit den ärztlichen Pflichten, wenn bei Komapatienten ohne Chance auf Rückkehr zu einem bewussten Leben endlos die künstliche Ernährung fortgesetzt wird? Liegt beim Abbruch eine Tötung vor, ein Verstoß gegen das Gebot, Leben zu erhalten? Oder geschieht es zum Wohl des Patienten, dem der Arzt ja gleichfalls verpflichtet ist?

Im Klingspormuseum wurde schwere Kost aufgetischt. Sein Hausherr Dr. Stefan Soltek nutzte eine kurze Begrüßung, um sein Haus geschickt mit der Medizin zu verketten. In „Körper, Sprache, Bewusstsein und Menschlichkeit“ sieht er die verbindenden Kettenglieder.

Das letzte Referat war dem bekannten Spiegel-Journalisten und Buchautor Matthias Matussek vorbehalten, den das Ketteler-Krankenhaus als besonderen Gast zum Symposium begrüßen durfte.

Matussek plauderte über den Papstbesuch in Deutschland und sein Buch „Das katholische Abenteuer“. Den Zuhörern gab er die Erkenntnis mit: „Protestanten haben es leichter mit dem Zeitgeist. Aber es ist schön, sich gegen den Zeitgeist zu bewegen.“

Die Veranstaltung klang aus bei einem Gottesdienst mit Domkapitular Dietmar Giebelmann in der Pfarrkirche St. Paul.

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