Kickers-Museum: Wie Knoten im Taschentuch

+
An den Sieg der Kickers im Finale des DFB-Pokals 1970 kann sich Thorsten Frank nicht erinnern. Das Museum dient als Gedächtnis des Clubs.

Offenbach - Wer Hessisch redet und in Hanau lebt oder Hochdeutsch spricht und in Hannover wohnt, der wählt einen Verein wie den FC Bayern München als Lieblingsklub aus, um den Schmerz der Niederlage möglichst selten zu spüren. Von Stefan Mangold

„Vielleicht leiden Bayern-Fans, wenn Gomez die Chance zum 4:0 versiebt“, vermutet Thorsten Franke (43), der Vorsitzende und Gründer des Vereins, der das Kickers-Fan-Museum betreibt. Ausgesucht hat sich Franke den Klub seines Herzens bestimmt nicht. In Offenbach geboren, bekam er die Anhängerschaft von Vater und Großvater vererbt. Was für ein Leben als Fan bedeutet, selten Zeuge großer Triumphe zu sein. So wie am 12. Januar 1980: Die zweitklassigen Kickers spielten auf dem Bieberer Berg gegen den Deutschen Meister. In den Reihen des Hamburger SV standen der im Lohwald aufgewachsene Jimmy Hartwig, die späteren Europameister Horst Hrubesch und Felix Magath sowie der legendäre Engländer Kevin Keegan. „Wir gewannen 2:0 im Pokal.“ In einem Trikot des OFC steckte ein 19-jähriger, der auf den Namen Rudi Völler hörte. Thorsten Franke war ein Bub von zehn Jahren. In Erinnerung blieb vor allem die Zuschauermasse, „die Hütte war voll“. Im Ligabetrieb verliefen sich in der Saison mitunter weniger als 2000 Zuschauer.

Der Fußball lebt vom Gedächtnis. Die historischen Spiele wirken wie Knoten im Taschentuch. Ein Fan weiß, auf welche Frau er hoffte, als seine Mannschaft den Klassenerhalt in der letzten Sekunde schaffte, nach welcher trostlosen Heimniederlage bei nasskaltem Wetter er am Tag darauf mit Blinddarmentzündung ins Krankenhaus musste. Ein Fan-Museum ist die logische Konsequenz des Fußballs. Auf die Idee, eins zu eröffnen, kam Thorsten Franke 2007, als er an der Goethestraße einen gewerblich gemieteten Raum nicht mehr brauchte. Mehr als 20 Jahre lang hatte Franke Exponate rund um die Kickers gesammelt, wie die Stadionmagazine seit 1948. Der Grundstock.

DFB-Pokal im Kickers-Museum

13 Ex-OFC-Spieler hatten im Oktober ihre Erinnerungen an den Pokal-Sieg 1970 aufleben lassen. Nun hat der DFB-Pokal in Form einer Replik seinen Weg ins Kickers-Fan-Museum gefunden - wir haben ihn mit der Kamera begleitet.

Zum Video

Mittlerweile sind etwa 300 Trikots aus verschiedenen Epochen in der Obhut des Museums. Das meiste kommt von den Fans selbst. Ehe die Erben Schals, Eintrittskarten und Wimpel gefühllos entsorgen, überlässt manch langjähriger Anhänger seine Kostbarkeiten zu Lebzeiten denen, die sie zu schätzen wissen. Etliche Stücke stammen aus dem Fundus ehemaliger Spieler. Wie von Freddy Schultheiß. Der Abwehrmann gehörte zu den Helden, die sich 1959 ins Endspiel um die Deutsche Meisterschaft gegen die Frankfurter Eintracht kämpften. Zweimal drehte der OFC in den Gruppenspielen einen Rückstand von zwei Toren. TB Berlin führte bis zur 86. Minute mit 2:0. Am Ende gewannen die Kickers mit 3:2. Schultheiß überließ Trikots und Stutzen „und eine Balalaika von einer Reise mit der Mannschaft durch die Sowjetunion“.

Ältestes Stück ist ein Wimpel von 1901, Gründungsjahr des OFC. Im selben Eck steht ein Imitat des DFB-Pokals, den die Kickers 1970 gewannen. Darüber hängen Trikots von Karlheinz Volz und Horst Gecks. Der eine hielt einen Elfer, der kurz vor Schluss zum Ausgleich geführt hätte, der andere schoss das zweite Tor. Mit Kerstin Kimpel und Natascha Michera gehören auch zwei Frauen zur Mannschaft des Museums. Im Moment heißt es packen. Der zweite Umzug steht bevor, die Aschaffenburger Straße geht es runter in Räume in der Hausnummer 65. Es gibt ein paar Vereine, die Museen führen, „unseres ist aber das einzige in Europa, das Fans betreiben“. Was Franke nicht ändern wollte. Spieler und Trainer geben einander die Klinke in die Hand: „Wer bleibt, sind wir!“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare