2,6 Kilometer Uneinigkeit

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Sie sind groß, sie sind alt, sie sind geliebt. Aber wahrscheinlich müssen Maindamm-Bäume weichen.

Offenbach ‐ Offenbach besitzt wenig. Und manches von dem, was es besitzt, wäre es sogar lieber wieder los. Den Maindamm zum Beispiel. Das mehr als 100 Jahre alte Bollwerk gegen Hochwasser ist bekanntlich in einem schlechten Zustand. Von Marcus Reinsch

Auf 2,6 Kilometer Gesamtlänge ist es nicht mehr standsicher oder zwischen 13 Zentimetern und 1,35 Meter zu niedrig. In der Regel sogar beides gleichzeitig.

Das Land drängelt in Gestalt des Darmstädter Regierungspräsidiums nach einer nachhaltigen Lösung. Doch die ist teuer - und kann die Kommunalpolitik überdies viel Ansehen bei den Wählern kosten. Denn die verstehen längst keinen Spaß mehr, wenn große, alte Bäume gefällt werden. Und das müssten sie in fast jeder der bisher sieben durchgerechneten Sanierungsvarianten für den von den Offenbachern als baumbeschattete Promenade so geliebten Maindamm.

Verfahren ist regelrecht revolutionär

Klare Positionen von den Parteien sind momentan entsprechend rar. Weder aus der Ampelkoalition noch aus dem Magistrat ist bisher auch nur von einem kleinsten gemeinsamen Nenner für die im Februar und damit noch vor der Kommunalwahl am 27. März fällige Entscheidung zu hören. Ganz abgesehen davon, dass auch in der sonst eigentlich stets mit einem klaren Vorschlag dienenden Verwaltung von Einigkeit keine Rede sein kann. Das Umweltamt im Dezernat von Bürgermeisterin Birgit Simon (Grüne) hat beispielsweise eine andere Sanierungsvariante ins Spiel gebracht als das Stadtplanungsamt im Dezernat von Oberbürgermeister Horst Schneider (SPD).

Lösungsansatz: Das Volk soll den Volksvertretern über ihre Unentschlossenheit hinweg helfen. Das Verfahren zur Bürgerbeteiligung ist für bisherige Offenbacher Verhältnisse regelrecht revolutionär: Erst gibt es eine Auftaktveranstaltung am Donnerstag, 13. Januar, bei der Fachreferenten im Rathaus das Problem, mögliche Lösungen, die Gutachten und den Konflikt zwischen Hochwasserschutz und Stadtgestaltung skizzieren. Ein Film davon soll live über das Internet übertragen und dort auch später noch abrufbar sein.

Die Stadt stellt alle Termine, Gutachten und einen zusammenfassenden Bericht in ihrem Internetauftritt zur Verfügung. Außerdem gibt es ein Diskussionsforum. Wer mitreden will, muss sich registrieren. Die Adresse

Am Samstag, 15. Januar, folgt eine Begehung der maroden Dammabschnitte - 1,8 Kilometer zwischen Carl-Ulrich-Brücke und Allessa-Gelände, 548 Meter auf Höhe des Rumpenheimer Schlosses, 166 Meter an der Grenze zu Mühlheim. Vom 17. bis zum 22. Januar schließlich werden die Details zu allen Sanierungsvarianten dann im Rathausfoyer ausgestellt. Gruppen interessierter Bürger dürfen Konferenzräume und Technik des Verwaltungsbaus benutzen. Und am Samstag, 22. Januar, sollen dann in einer „Planungswerkstatt Maindamm“ Ergebnisse in Arbeitsgruppen diskutiert, zusammengefasst und im Idealfall eine „Vorzugsvariante“ bestimmt werden. Mitreden darf grundsätzlich, wer will. Teils ist eine Anmeldung nötig. Die Leitung aller Veranstaltungen übernimmt das auf die Moderation von Planungsprozessen spezialisierte Frankfurter Büro „Stein und Schultz“.

Final entscheiden darf das Volk allerdings nicht. Das bleibt Vorrecht der 70 Stadtverordneten. Die müssten sich dann allerdings erstmal trauen, gegen das Ergebnis der Bürgerbeteiligung zu stimmen.

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