„Kitas sind keine Wurstfabrik“

Kinderförderungsgesetz stößt bei Erziehern auf Kritik

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Die SPD-Landtagsabgeordnete Heike Habermann und der familienpolitische Sprecher der SPD, Gerhard Merz, kritisieren das neue Kinderförderungsgesetz der hessischen Landesregierung. Im Stadtcafé am Büsingpark diskutierten sie mit Betroffenen.

Offenbach - Das neue Kinderförderungsgesetz der Landesregierung stößt bei Erziehern auf Kritik. Aus den Reihen der Opposition stellten sich im Stadtcafé am Büsingpark die Landtagsabgeordnete der SPD, Heike Habermann, und der familienpolitische Sprecher der Partei der Diskussion. Von Stefan Mangold

Wer in diesen Tagen seinen Nachwuchs vom Kindergarten abholt, liest vom Protest des Personals gegen das geplante neue hessische Kinderförderungsgesetz (KiföG). An den Türen der Einrichtungen hängen Positionsschreiben samt Aufruf zur Teilnahme an einer Demonstration.

„Von einem Kinderförderungsgesetz zu sprechen, ist eine irreführende Etikettierung“, unterstützt am Dienstagabend Heike Habermann im Stadtcafé am Büsingpark den Protest. Dorthin hat die Offenbacher Landtagsabgeordnete der Sozialdemokraten Eltern und Fachkräfte aus Kindertagesstätten zur Diskussion eingeladen. Titel: „Das neue Kinderförderungsgesetz – Chance oder Rückschritt?“.

„Es gibt kaum jemanden vom Fach, der Gesetz nicht kritisiert“

Für Heike Habermann (57) und Gerhard Merz (60), familienpolitischer Sprecher der SPD im Landtag, steht indes die Antwort fest: „Es gibt kaum jemanden vom Fach, der das Gesetz nicht als Ganzes kritisiert“, fasst Merz das Ergebnis seiner bisherigen Gespräche zusammen.

Zwei Komplexe spielten bei der Kinderbetreuung eine Rolle: „Zum einen der Qualitätsstandard, zum anderen die Kosten.“ Das geplante Gesetz berücksichtige ausschließlich die betriebswirtschaftliche Seite. „Die Qualität bleibt außen vor.“ Was der Verdi-Funktionär Gerhard Abendschein ähnlich sieht. Durch KiföG hätten noch weniger Leute Lust, den Erzieherberuf zu ergreifen. „Das haben Betriebswirte nach den Kriterien einer Wurstfabrik entwickelt.“

Pauschale pro Kind und nicht pro Gruppe

Bisher gelte ein Verteilungsschlüssel von 1,75 Fachkräften pro Gruppe. Deren Stärke pendele zwischen 15 und 25 Kindern. Das soll sich ändern. „Nach dem Gesetz wird es eine Pauschale pro Kind und nicht pro Gruppe geben.“ Allein auf dem Land, wo wesentlich weniger Kinder lebten, „ist es sehr schwierig, die Gruppen mit 25 Kindern voll zu bekommen“. Nur dann aber gebe es die bisherige Zuteilung von Geld und somit von Erziehern. „Ziel ist, dass die Träger die Fachkräfte flexibler und bedarfsgerechter einsetzen können“, zitiert Merz aus einem Papier der CDU/FDP-Koalition in Wiesbaden.

Wie sich die flexible Zuteilung auf die Entwicklung von Kindern auswirke, spiele dabei offenbar keine Rolle: „Es gibt Druck auf die Träger, mehr Halbtagskräfte und fachfremde Kräfte einzustellen.“ In Zukunft solle es möglich sein, bis zu 20 Prozent Personal aus anderen Berufen zu engagieren, die sich „durch 100 Stunden Fortbildung in eine volle Fachkraft wandeln“. Dahinter stehe der Gedanke: „Im Kindergarten zu arbeiten, das kann doch jeder...“

Sprachunterricht fällt teilweise aus

Eine Erzieherin aus Frankfurt berichtet, der Sprachunterricht falle teilweise aus, weil die neu eingestellten Kräfte oft selbst mangelhaft Deutsch sprächen. Es gebe Tendenzen, „bulgarische Erzieherinnen anzuwerben, statt den Beruf attraktiver zu gestalten“.

Eine Kollegin der Frankfurterin hält den Gesetzentwurf für die Kopfgeburt „von Politikern, die im Taunus leben und von unserem Alltag nichts wissen“. Sie arbeite seit 40 Jahren im Beruf, womit sie schon eine Ausnahme sei. Der Status von Erzieherinnen verschlechterte sich kontinuierlich. Als die SPD in Hessen am Ruder saß, „hat sie in den 90er Jahren von einem Schlüssel von zwei Fachkräften pro Gruppe gesprochen. Es blieb beim Versprechen.“ Würde das KiföG aus der Feder der Sozialdemokraten stammen, „wäre die CDU dagegen“, fürchtet die Pädagogin, einer parteipolitischen Choreografie beizuwohnen. Dem widerspricht Merz: „So ein Gesetz kann von uns nicht kommen.“ Was die „fachfremden Fachkräfte“ betrifft, zieht Merz den Vergleich zur Kfz-Werkstatt: „Niemand käme auf die Idee, jemanden einzustellen, nur weil er schon Auto gefahren ist.“

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