Flexibel in den Randzeiten

Offenbach ‐ Es ist das Mantra der Familienpolitik: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dass aus der Beschwörungsformel etwas Konkretes, etwas Vorzeigbares erwachsen kann, beweist ein Modellprojekt in Offenbach: Von Matthias Dahmer

Der seit Januar 2009 bestehende Kindergarten Potz Blitz in der Domstraße hat mittlerweile hessenweit Beachtung gefunden, gilt als Einrichtung mit Vorbildcharakter in Sachen kreativer, sprich: flexibler Kinderbetreuung.

So funktioniert das Erfolgsrezept: In der Einrichtung für Kinder ab sechs Monaten, die von einer Tochtergesellschaft der Offenbacher Starthaus GmbH betrieben wird, hat man die bislang unabhängig voneinander laufenden Betreuungs-Systeme von Tagespflege und Kindertagesstätte kombiniert. Außerhalb der üblichen Kita-Öffnungszeiten übernehmen bei Bedarf Tagesmütter die Betreuung. Wenn die Eltern aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit etwa im Einzelhandel, in der Pflege oder in der Gastronomie morgens früh aus dem Haus müssen beziehungsweise erst spät am Abend nach Hause kommen oder gar im Schichtdienst und am Wochenende arbeiten, springt die Tagesmutter - im Modellprojekt etwas unglücklich Kinderfrau genannt - ein. Sie kommt morgens ins Haus und bringt das Kind in den Kindergarten oder holt es dort ab, um es zu Hause in seiner vertrauten Umgebung zu betreuen und gegebenenfalls auch ins Bett zu bringen.

Ohne Job kein Betreuungsplatz und umgekehrt

Die sogenannten Randzeiten muss das Kind nicht mehr im Kindergarten verbringen - wo es möglicherweise mit nur ein oder zwei anderen ab 6 Uhr oder bis 22 Uhr betreut werden müsste. Derzeit kümmern sich bei Potz Blitz drei Tagesmütter um insgesamt sieben Kinder nach dem neuen Modell.

„Die Betreuungskraft geht zu exotischen Zeiten zum Kind - und nicht umgekehrt“, heißt es in einem Büchlein der Universität Frankfurt aus der Reihe „Beiträge zur frühkindlichen Erziehung“, das sich als Band 18 unter dem Titel „Kreative Kinderbetreuung in Kommunen“  (ISBN  978-3-9810879-9-4) vorwiegend dem Offenbacher Modell widmet. Eine der Herausgeberinnen ist die städtische Frauenbeauftragte Karin Dörr, sie hat ebenso ein Kapitel in dem insgesamt 91 Seiten umfassenden Werk verfasst wie etwa Bürgermeisterin und Sozialdezernentin Birgit Simon und Charlotte Buri von der Offenbacher Hartz IV-Agentur Mainarbeit.

Die Unterstützung von arbeitslosen Müttern ist der zweite Schwerpunkt im Modellprojekt. Denn die steckten bislang in einem Teufelkreis: Ohne Job gab’s keinen Betreuungsplatz und umgekehrt. Bei der Mainarbeit verfährt man nun in Kooperation mit der benachbarten Einrichtung Potz Blitz nach dem Prinzip: Erst die Betreuung sichern und dann die Arbeitsvermittlung starten. „Die Mainarbeit hat sich zu diesem Zweck für 22 der 34 Plätze im Kindergarten das Belegungsrecht gesichert“, sagt Charlotte Buri. Dabei achte man darauf, dass Mütter mit Kindern unter drei Jahren die Möglichkeit haben, eine Arbeit aufzunehmen oder eine Ausbildung zu starten.

Dass es sich Mütter in der sozialen Hängematte von Hartz IV bequem machen, halten die Verfasserinnen der wissenschaftlichen Abhandlung für ein Vorurteil. Eine Befragung von 240 Müttern, die Hartz IV beziehen (40 Prozent der bei der Mainarbeit registrierten) hat ergeben, dass rund ein Drittel liebend gern die Betreuung nutzen würde, um so schnell wie möglich wieder zu arbeiten, ein weiteres Drittel könnte es sich vorstellen, der Rest will die gesetzlich zustehenden drei Jahre Auszeit zur Kinderbetreuung ausschöpfen.

Die guten Erfahrungen mit dem kindgerechten Randzeiten-Modell bei Potz Blitz sind mittlerweile in modifizierter Form auf die anderen Kitas in der Stadt übertragen worden, berichtet die Bürgermeisterin. Obwohl acht der 24 städtischen Einrichtungen Betreuung von 7 bis 19 Uhr anbieten und man damit schon viel abdecke, so Simon, werde bei Bedarf auch eine Tagesmutter für darüber hinaus gehende Randzeiten vermittelt.

Rubriklistenbild: © dpa

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