Film „Im Namen meiner Tochter - Der Fall Kalinka“

Kino-Drama um Mädchenmord hat Offenbacher Vorgeschichte

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André Bamberski (Daniel Auteuil, links) und seine Frau Dany (Marie-Josée Croze, Mitte) lernen in Marokko den deutschen Arzt Dr. Dieter Krombach (Sebastian Koch, rechts) kennen. Eine Begegnung mit Folgen.

Offenbach - 1982 hat der aus Offenbach stammende Arzt Dr. Dieter Krombach nach Überzeugung der französischen Justiz seine 14-jährige Stieftochter umgebracht. Da er sich der Strafverbüßung entziehen kann, lässt ihn der leibliche Vater des Opfers 2008 ins elsässische Mulhouse verschleppen. Ab heute ist der Fall als hochkarätig besetzter Film in deutschen Kinos zu sehen. Von Thomas Kirstein

„Im Namen meiner Tochter - Der Fall Kalinka“ heißt das Drama, in dem der französische Star Daniel Auteuil seinen Landsmann André Bamberski verkörpert, den Vater der getöteten Kalinka. Der international gefragte Sebastian Koch spielt den Kardiologen Krombach. Die deutsch-französische Produktion konzentriert sich auf den Rache-Hintergrund. Jedoch gibt es im Zusammenhang mit dem immer noch in Haft sitzenden Täter eine Offenbacher Vorgeschichte, in der ebenfalls Mordverdacht eine Rolle spielt.

Ein hiesiger Rechtsanwalt und ehemaliger Notar, der persönliche Erinnerungen hat, möchte seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen. Anfang der 50er Jahre hat der heutige Mittsiebziger entfernt Bekanntschaft mit Dieter Krombach gemacht. Beide Jungen wohnen in einem Haus und besuchen später die Leibnizschule, ohne dass es zu wirklich engem Kontakt gekommen wäre. „Die Familie schien recht hochnäsig, sein Vater war Regierungsrat, meiner nur Studienrat“, erzählt der Jurist. Mitte der 70er Jahre kommt ihm - er ist mittlerweile Referendar bei der Staatsanwaltschaft Offenbach - Krombach wieder unter: als dringend des Mordes Verdächtiger. Staatsanwalt Dr. Bernd Weiland ist der festen Überzeugung, dass der Mediziner seine Frau mittels einer Injektion umgebracht hat. Die Beweise reichen aber offenbar nicht aus, es kommt zu keiner Anklage. „Mein Freund und Mentor war damals stinksauer“, denkt der Rechtsanwalt zurück.

Bei deutschen Strafverfolgungsbehörden kommt der Arzt auch in dem Fall ungeschoren davon, den der Kinofilm schildert. Krombach lebt Anfang der 80er Jahre in Lindau am Bodensee mit der Ex-Frau des Finanzfachmanns André Bamberski zusammen – die drei haben sich 1976 in Marokko kennen gelernt. 1982 wird die 14-jährige Kalinka, die ihre Ferien bei der Mutter am Bodensee verbringt, tot in ihrem Bett aufgefunden. Der leibliche Vater ist überzeugt, dass Krombach das Kind habe betäuben und vergewaltigen wollen. Der Arzt verteidigt sich mit einem tragischen Unfall – er habe dem Mädchen wegen seiner Blutarmut Eisenpräparate gespritzt. Eine Autopsie gilt als verpfuscht. Die deutsche Polizei und die Staatsanwaltschaft glauben der Version Krombachs.

„Im Namen meiner Tochter“ kommt heute in deutsche und französische Kinos. In der Region ist das Justizdrama zu sehen im Frankfurter Cinema am Rossmarkt 7 (16.15, 19 Uhr) oder in Darmstadt im Programmkino Rex an der Grafenstraße 18-20 (18 Uhr).

Spätestens 1997 hätte diese Überzeugung durchaus nachträglich ins Wanken geraten können. Krombach wird in Kempten zu zwei Jahren Haft verurteilt, das Gericht gewährt Bewährung. Er hat gestanden, eine 16-Jährige mit Schlafmitteln ruhig gestellt und vergewaltigt zu haben. Der Arzt verliert daraufhin seine Zulassung, praktiziert aber weiter, etwa soll er in Offenbach häufiger die Vertretung von Kollegen übernommen haben. Als das auffliegt, befindet ihn das Landgericht Coburg 2007 des Betrugs für schuldig: zwei Jahre und vier Monate Gefängnis.

In den Jahren dazwischen hat den Vater der getöteten Kalinka der Gedanke an Gerechtigkeit nicht losgelassen. Als in Deutschland nichts geht, bringt er den Fall vor die Justiz seines Heimatlands. 1995 wird gegen Krombach in Abwesenheit eine 15-jährige Haftstrafe verhängt. Deutschland liefert ihn aber trotz internationalen Haftbefehls nie aus. 2001 hebt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte das Urteil auf, weil sich der Arzt nicht verteidigen konnte – Frankreich muss ihm 30 000 Euro Entschädigung zahlen. Unerträglich für den Vater des möglicherweise schon zweiten Opfers des Ex-Offenbachers. Zudem kennt Frankreich im Gegensatz zu Deutschland eine zeitliche Beschränkung bei der Verfolgung von Mord. Bevor nichts mehr geht, entscheidet sich 2009 der damals 72-Jährige zur Selbstjustiz. Für rund 20 000 Euro heuert er Osteuropäer an, die sich Krombach in Bayern schnappen und ihn gefesselt und geknebelt vor dem Gerichtsgebäude in Mulhouse deponieren.

2012 wird Krombach in einem Berufungsverfahren wegen vorsätzlicher Körperverletzung mit Todesfolge erneut zu 15 Jahren Haft verurteilt. Die verbüßt der heute über 80-Jährige immer noch – und stellt sich weiter als Opfer eines Justizirrtums dar. Ein Antrag auf Streichung der verbleibenden Mindesthaftdauer von zweieinhalb Jahren wurde im November 2014 abgelehnt. Kalinkas Vater André Bamberski hat sich im Juni des selben Jahres wegen Verschleppung verantworten müssen. Das Urteil: einjährige Haft auf Bewährung.

Archivbilder:

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