Kiosk in der B-Ebene der Station Marktplatz

Der Markt, der niemals schläft

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Gut gelaunt, weil ihm die Arbeit Spaß macht: Asjad Hussain Shah in seinem Markt auf der B-Ebene der S-Bahn-Station Marktplatz.

Offenbach - Es dürfte wohl kaum jemand so innig mit der S-Bahn-Station Marktplatz verbunden sein wie Asjad Hussain Shah. Zur Eröffnung der S-Bahn vor 20 Jahren zog er mit seinem Mini-Markt in die B-Ebene ein. Das bietet Stoff für unzählige Geschichten. Von Christian Wachter 

Als wir uns um Mitternacht zum Gespräch treffen, hat der Arbeitstag von Asjad Hussain Shah gerade begonnen. Geöffnet hat sein „Mini-Markt“ immer. 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr. Der Kiosk ist so alt wie die Haltestelle selbst – Shah zog zur Eröffnungsfeier der S-Bahn im Mai 1995 ein. Seinerzeit gaben sich der damalige Verkehrsminister Matthias Wissmann, der damalige Oberbürgermeister Gerhard Grandke und weitere prominente Gäste die Ehre, bei ihm vorbeizuschauen. Die Haltestelle gehörte zum Modernsten, was der Nahverkehr zu bieten hatte, erzählt der gebürtige Pakistani.

Durchgehend geöffnet hat er seit 2014. Dass sich darüber nicht nur seine Stammkunden gefreut haben dürften, wird klar, wenn Shah von den Erlebnissen vieler Nachtschichten erzählt. Davon etwa, dass viele, die dann unterwegs sind, ihm schon gesagt haben, dass sie sich sicherer fühlen, weil sie wissen, dass immer jemand da ist. Oder von jenen, denen er behilflich ist, wenn das Reisezentrum der Bahn geschlossen hat. Gerade die Älteren haben oft Probleme beim Bedienen der Fahrkartenautomaten. Einmal, erinnert sich der Kioskbesitzer, hat er einen jungen Mann zu später Stunde merkwürdig auf die Gleise zugehen sehen. Er machte sich Sorgen, nahm ihn mit in seinen Kiosk und kontaktierte die Polizei. Nicht zu Unrecht, wie sich herausstellte: „Ich war froh, dass ich helfen konnte. Der Mann wollte sich umbringen und hatte schon einige Selbstmordversuche hinter sich.“

Auch vom Wandel der Station weiß der Kioskbetreiber einiges zu berichten. Einst ein Prestigeobjekt, wurde über die Jahre immer mehr Sicherheitspersonal abgezogen. In der Folge hielt der Vandalismus Einzug – auch die von ihm gestiftete Auffahrt für Behinderte war wegen Sachbeschädigungen häufig unbenutzbar. „Seit ich auch nachts da bin, hat sich das aber etwas gebessert. Ich kenne ja die meisten, und wenn ich etwas beobachte, spreche ich die Leute direkt an, das zeigt oft Wirkung“, sagt Shah. Geht doch mal eine Flasche in der Vorhalle zu Bruch, legt Shah selbst Hand an. „Die erste S-Bahn fährt um 4 Uhr. Auch Fahrgäste, die dann unterwegs sind, sollten die Station sauber vorfinden.“

Dampflok zum Jubiläum

Bekannt ist Shah wirklich; kaum eine Minute vergeht während des Gesprächs, in der nicht ein vorbeilaufender Pendler oder ein Gast per Handschlag begrüßt wird. Darunter auch zwei Mitarbeiter des Sicherheitspersonals der Bahn. Bei der Spätschicht ist ein Besuch Pflicht, sagen die beiden. Dieser persönliche Kontakt ist es, der Shah antreibt: „Ich arbeite 60 bis 70 Stunden die Woche. Meinen letzten freien Tag hatte ich vor sechs Jahren. Das würde ich doch nicht machen, wenn ich keinen Spaß daran hätte.“ Freundlichkeit setzt er auch bei seinen Mitarbeitern voraus. Zwischen neun und elf Angestellte arbeiten bei ihm im Schichtdienst. Anforderungsprofil: Zuvorkommender Umgang auch mit schwierigen Kunden und Mehrsprachigkeit. Eine Feier zum S-Bahn-Jubiläum hat er nicht geplant. Die soll spätestens nächstes Jahr folgen, wenn Shah sein Geschäft – Genehmigung der Bahn vorausgesetzt – umgebaut und sein Sortiment erweitert hat. Heller und moderner soll es werden. Ans Aufhören denkt Shah noch lange nicht: „Ich bin 58. Bis zur Rente mache ich das mindestens. Ich kann gar nicht anders. Schließlich ist das mein Baby.“

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