Ansehen von Autofahrern

Kommentar: Kirche im Dorf lassen

Hohn und Spott ist den Offenbachern sicher: Gemessen an der Zahl der Unfälle und deren Kosten für die Versicherer, kurven in der Stadt angeblich die schlechtesten Autofahrer Hessens herum. Von Peter Schulte-Holtey

Das Ansehen der OF-Fahrer aus der Stadt wird durch die aktuellen Zahlen des Deutschen Versicherungsverbands (und entsprechenden Schlussfolgerungen) sicherlich nicht steigen. Besonders ärgerlich: Die schlechte Einstufung hat Folgen für die Kfz-Versicherung; mit satten Prämien ist zu rechnen.

Richtig fuchsen wird es die Offenbacher, auch angesichts der Hintergründe der Statistik. Denn natürlich haben Fahrlehrer in der Region recht, die die Zahlen für wenig aussagekräftig bei der Suche nach „Hessens schlechtesten Fahrern“ halten. So wird aufmerksam gemacht auf den enormen Durchgangsverkehr in Offenbach - auf die vielen F-, HU- und MTK-Nummernschilder, auf zehntausende Gäste, die jeden Tag die Stadt durchkreuzen und sicherlich nicht durch bessere Fahrkünste auffallen.

Warum wird denn nicht einmal die Verkehrsdichte gemessen?

Und die Frage ist berechtigt: Warum wird denn nicht die durchschnittliche Verkehrsdichte eingerechnet? Dass die besten Autofahrer laut bundesweiter Regionalstatistik aus dem Süden Brandenburgs kommen, ist ja wohl nicht verwunderlich.

Man sollte die Kirche also im Dorf lassen; die Statistik gibt keine Auskünfte übers Fahrverhalten, sondern nur über Schadensmengen.

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Klar! Viele Bürger werden sich jetzt wieder ärgern, dass ihre Heimat-Gemeinde so oft für schlechten Ruf herhalten muss. Dabei sollten die Offenbacher aber einsehen, dass sich an der „Pflege“ von Vorurteilen sowieso nichts ändern wird. Fahrern mit OF-Kennzeichen wird man auch in Zukunft zuraunen, sie seien „Ohne Führerschein“ oder „Ohne Ferstand“ unterwegs. In jeder Region Deutschlands gibt es lieb gewordene Animositäten.

Die Münchner „beten“ „Gott schütze uns vor Eis und Schnee, vor DAH (Dachau) und EBE (Ebersberg)“. In Münster (Westfalen) wird gern gelästert, wenn Autos aus Borken (BOR=Bauer Ohne Rücksicht) oder Warendorf (WAF=Wildschwein Auf Futtersuche) am Horizont auftauchen. Auf der Autobahn geht es dann weiter - gegen Ausländer: Niederländer seien die schlechtesten Automobilisten Europas, italienische Fahrer eine permanente Bedrohung im Straßenverkehr ...

Toleranz gepaart mit Humor ist die beste Art, mit solchen Klischees umzugehen. Und nicht vergessen: Zwischen Fremd- und Selbsteinschätzung liegen oft Welten.

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