In der ersten Liga

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Mozartkompositionen waren Schwerpunkt in der Schlosskirche. Doch das Konzert begeisterte auch durch seine musikalische Vielfalt.

Offenbach - Man hörte und sah es auch in Rumpenheims prall gefüllter Schlosskirche am Vorabend des Totensonntags: Kirchenmusikalisch spielt Offenbach in der ersten Liga. Von Reinhold Gries

Nicht nur Spitzenchöre wie die Rhein-Main-Vokalisten, die Offenbacher Kantorei und das Vokalensemble Prophet, dirigiert von Hochkarätern wie Jürgen Blume, Christoph Siebert und Tobias Koriath, sorgen bei den Tagen der Kirchenmusik für Glanzlichter und volle Häuser. Auch lokale Chöre und Gäste tragen dazu bei, bestens vorbereitet von Hiromi Mori, Regine Marie Wilke und Alois Simrock.

In Rumpenheim allerdings litt das Musikleben lange darunter, dass die hochbegabte Bürgeler Mezzosopranistin Johanna Krell die Leitung der Kantorei aufgegeben hatte und man keine geeigneten Nachfolger fand. Das hat sich grundlegend geändert, seitdem Tobias Prautsch in der Schlosskirche wirkt. Was der 35-jährige Elektrotechniker und vielseitig begabte Student der Frankfurter Hochschule für Musik (HfM) dort in einem halben Jahr geleistet hat, ist beachtlich.

Einstand zu den Kirchenmusiktagen

Beim konzertanten Einstand zu den Kirchenmusiktagen überzeugte er mit akribischer Arbeit, erstaunlicher Abgeklärtheit, Dynamik und viel Gespür. Die „Geistliche Abendmusik“ dirigierte er wie ein alter Hase. Dabei schreckte er nicht davor zurück, sein talentiertes, blutjunges HfM-Kammerorchester eine leicht unpräzise Fuge wiederholen zu lassen, um seiner Kantorei einen guten Einstieg zu verschaffen. Das Publikum merkte es kaum, so geschickt machte er das.

Die Begeisterung der Zuhörer – in der gewünschten Stille während des Konzerts zurückgehalten – machte sich am Ende in minutenlangem rhythmischem Klatschen und stehenden Ovationen Luft, so dass die Zugabe, die Wiederholung von Johann Sebastian Bachs wundervollem Choral „Wer nur den lieben Gott lässt walten“, fast zu mager erschien.

„Die mit Tränen säen“

Nicht wiederholt wurde der fantastische Auftakt von Prautschs achtköpfigem HfM-Vokalensemble mit Jakob Heinrich Lützels romantischem A-cappella-Satz „Die mit Tränen säen“ – wegen Platzmangels im Mittelgang der barocken Kirche aufgeführt.

Auch sonst saßen die Zuhörer mitten im Geschehen, wenn sie nicht von der dicht besetzten Empore hinunterblickten. Die fast 40-köpfige Kantorei stand vor ihrem Einsatz in den Fensterumgängen, bevor sie den Chorraum vor der Kanzel völlig ausfüllte. Beim Bach-Choral beorderte Prautsch die Fagottistinnen in die hinteren Ecken des Kirchenschiffs, ließ das Englischhorn von der Seite aus ertönen. Welch ein Klangerlebnis Giacomo Puccinis Requiem für Chor, Orgel und Viola, von einer an der Orgellinie entlang singenden Kantorei oft fast hingehaucht.

Mozart-Kompositionen waren ein Schwerpunkt des Abends

Mozart-Kompositionen waren ein Schwerpunkt des Abends, auch an Bach und Händel angelehnte wie das aus Klavierwerken für Streicher transkribierte Adagio und Fuge c-Moll. Prächtig gelang Mozarts Missa brevis d-Moll für Soli, Chor und Orchester, das längste Werk des Konzerts mit dem Motto „Auf jeden Abend folgt ein neuer Morgen“. Zu Amen-Fuge, Hosanna-Gesängen und gelungenen Wechseln mit den Vokalsolisten meinte Chorsängerin Ulla Suchan: „Unser schönstes Konzert!“

Das war auch Verdienst des international besetzten Orchesters mit Patricia Jauregui Garcia an der ersten Geige, Yokota dos Santos am Kontrabass, Camila Munoz an der Viola sowie ausgezeichneten Holzbläsern und Streichern. Starke Solopartien gestalteten Vanessa Katz (Alt), Wolfgang Vetter und Aljoscha Lennert (Tenor), Philipp Kranjic und Nicolaus Schouler (Bass).

Überstrahlt wurden sie von Marina Unruhs und Vanessa Dinys Sopranen. Für weitere Vertiefung sorgte die so glaubwürdige wie prägnante Lesung des Waldheimer Seelsorgers Hinnerk Müller, als er über Grenzen des Daseins, Sterbenmüssen und „Freiwerden der Seele im Atem Gottes“ sprach.

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