Vom Wert der Kirchen

Es knirscht im Gebälk der Gotteshäuser

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Die evangelische Markuskirche, die 1961 eingeweiht wurde, ist für 550 Besucher ausgelegt. Die Gemeinde am Buchhügel zählt derzeit 2400 Mitglieder. Das ist nur noch ein Drittel dessen, was sie zur Kircheneinweihung vorweisen konnte.

Offenbach - Die Auflösung des Offenbacher Dekanats und Fusion mit Frankfurt weckt Sorge in der evangelischen Markusgemeinde am Buchhügel mit Pfarrerin Ursula Trippel, Kirchenvorstand Andreas Gegenwart und Bauexperte Klaus Hofmann. Von Reinhold Gries 

Dabei wirkt im Gottesdienst vieles wie heile Welt: Die Glocken des 36 Meter hohen Campanile wirken so einladend wie die offen stehenden Türen mit den Kupferreliefs der Offenbacher Künstler Heinz und Willy Klemisch. Durch 3200 Antikglasfenster des vom Offenbacher Architekten Fritz Reichard geschaffenen Kubus fällt das Sonnenlicht. Dazu erklingt die Bornefeld-Orgel, größte moderne Konzertorgel Hessens in einer evangelischen Kirche.

Der von Jens Wolter intonierten Bach-Komposition lauschen Kirchgänger in Bänken, die für 550 Besucher ausgelegt waren. Solche Zahlen erzielt man heute bei Großkonzerten mit Chören oder Orchestern der Region oder bei Festtagsgottesdiensten. Die 2400 Gemeindemitglieder sind ein Drittel von dem, was die Kirche zur Einweihung 1961 vorweisen konnte.

Kein ruhiges Arbeitsfeld

Nach dem Gottesdienst sagt Trippel zur Lage: „Als ich 2001 begann, hatte ich Angst vor dem großen Raum, nun liebe ich den Kubus mit seiner spirituellen Atmosphäre. Ich habe in der Gemeinde kein ruhiges Arbeitsfeld vorgefunden. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass Kirchen als Gebäude einfach da sind und da bleiben. Eine so große Kirche kann nicht nur von der Gemeinde unterhalten werden. Aber bei Bauzuweisungsschlüsseln und Kosten-Nutzen-Rechnungen ist zu fragen, welche Bedeutung Kirchen in einer Stadtgesellschaft haben sollen. Was sind uns unsere Kirchen wert?“

Kirchenvorstand Gegenwart ergänzt: „Es geht um gerechte Zuweisung von Pfarrstellen. Wir haben den Eindruck, dass viel Wert auf Innenstadtkirchen gelegt wird, während Kirchen des Offenbacher Südens weniger Zuwendung erfahren. Die Verteilungskämpfe sind ein Politikum.“ Bauexperte Hofmann klagt: „Wir wissen nichts über unsere Zukunft nach der Auflösung des Offenbacher Dekanats, alles wird in Frage gestellt, vieles ist diffus. 60.000 Euro jährlich, davon 50.000 Euro für Personalkosten, abgesehen vom gesonderten Bauetat, sind nicht viel für unsere Kirche.“

Als Kriterien für die Erhaltung der Gebäude sind beim Kirchenverband Alter, Nutzung und Unterhaltskosten im Gespräch. Da hat die Markusgemeinde noch Rücklagen. So wurde der Saal erneuert, der Glockenturm saniert. „Dafür mussten wir einiges aufgeben vom Gelände“, sagt Hofmann. Dieses Jahr ist der Vorplatz dran. Im Kirchenraum sind Bauschäden an der Mosaikdecke zu erkennen, etliche Fenster leuchten weniger. „Vor Jahren lagen wir bei 90.000 Euro für die Innenraumsanierung, das lässt sich nicht mehr halten“, bemerkt Elektromeister Hofmann, „die Antikglasfenster wurden seit mehr als 50 Jahren nicht gereinigt.“

Kommunionkinder und Konfirmanden des Jahres 2013

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Dabei ist deren Lichterspiel essenziell für die erste nach dem Krieg in Offenbach neu errichtete evangelische Kirche, in der Vorstufe zum Denkmalschutz stehend. Auch die Orgel ist nicht fertig renoviert. Trotzdem geht Trippel defensiv mit einer neuen Spendenkampagne um. Dafür gibt es zur Passionszeit eine Kollekte zur Erhaltung des Baus, den auch Kirchenferne bei der Reihe „Literatur und Musik bei Kerzenschein“ besuchen.

Ursula Trippel, voll ausgelastete Protagonistin der für alle offenen Volkskirche, resümiert: „Kirchen sind nicht nur Versammlungsort für eine Kerngemeinde. Sie sind Symbol, erinnern an transzendente Dimensionen des Lebens und halten wach, dass am reinen Nutzungsgedanken orientiertes menschliches Leben verkümmert. Glauben muss erlebbar sein.“

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