Versammlung vor dem Rathaus

Kita-Streik: Eltern langsam am Ende der Kräfte

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Mit einer Menschenkette machten die streikenden Erzieher gestern früh am Bieberer Berg auf ihren andauernden Arbeitskampf aufmerksam. Die Rotphasen im morgendlichen Berufsverkehr nutzten sie, um Autofahrern Flugblätter zu ihrer Situation zu überreichen und um Verständnis für ihren Streik zu werben. Die Sozialarbeiter waren derweil in der Innenstadt aktiv. Es ist bereits die vierte Streikwoche, betroffene Eltern sehen sich trotz Solidarität am Ende ihrer Kräfte.

Offenbach - Seit vier Wochen herrscht in den städtischen Kitas Ausnahmezustand. Der Kampf der Mitarbeiter um mehr Anerkennung ist aus Sicht vieler Eltern zwar gerechtfertigt, zerrt neben den Nerven aber zunehmend auch am Geldbeutel. Von Jenny Bieniek 

Bei einer Versammlung vorm Rathaus machten betroffene Mütter ihrem Ärger Luft. „Die Eltern sind mit ihrer Kraft und ihren Kapazitäten am Ende“, bringt es Emine Popal, Vize-Vorsitzende des Stadtelternbeirats für Kitas, auf den Punkt. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Tessa Watzik hatte sie Offenbachs Elternschaft zu einer Informationsveranstaltung geladen - gekommen waren nur zwei Dutzend. Ob aus Desinteresse, Zeitmangel oder Unwissenheit? Schwer zu sagen. „Es ist schwierig, in diesen Tagen überhaupt an die Eltern heranzukommen“, sagt Popal. Viele verfügten nicht über eine E-Mail-Adresse, Aushänge in den Kitas erreichten nur wenige. Unstrittig ist indes, dass die Nerven vieler Betroffener blank liegen.

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War die Betreuung in den vergangenen Wochen dank Hilfe von Familie, Freunden, Arbeitgeber und Nachbarn irgendwie zu organisieren, sind Geduld und Improvisationswille vielerorts überstrapaziert – trotz Solidarität mit den Streikenden. Wo der Notdienst bislang umgangen werden konnte, werden Alternativen knapp. Für einige bedeutet die Entscheidung, ihr Kind trotz Anspruch nicht in die Notbetreuung zu bringen, auch eine existenzielle Bedrohung. So wie für Nicole. Auf ihre Situation angesprochen, reagiert sie völlig aufgelöst. „Ich muss mit 40, 50 Prozent meines Gehalts auskommen, weiß aber nicht wie“, bricht es aus ihr heraus.

Als Alleinerziehende ist sie auf den Ganztagesplatz ihrer Tochter angewiesen. Sie möchte ihr jedoch nicht zumuten, im Notdienst von Fremden betreut zu werden, hat deshalb Arbeitszeit reduziert. Eine große finanzielle Belastung. „Aber im Rathaus interessiert das niemanden!“ Dass ihre Tochter in diesen Tagen „einfach funktionieren“ müsse, belaste sie zusätzlich. Auch Karina Bunjaki verzichtet trotz Anspruch auf die Notbetreuung – noch. „Mein Sohn ist sehr schüchtern und an seine Erzieherin gewöhnt. Ich will ihn nicht verschrecken“, sagt die im Schichtdienst Tätige. Bislang war die Oma für den Kleinen da, künftig gebe es aber keine Alternative zum Notdienst.

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Auch andere Mütter klagen ihr Leid. Verzweiflung und Tränen gehörten seit Wochen zum Alltag. Die Kinder würden zwischen Büro und Aushilfsbetreuern hin- und hergeschoben. Die wochenlange Eingewöhnung des eigenen Kindes sei umsonst gewesen, Vorschulkinder verpassten durch den Streik Aktivitäten, auf die sie sich seit Monaten gefreut hätten. Weil Freunde und Bezugspersonen fehlten, gehe der Nachwuchs derzeit ungern zur Kita. Die Notfallplätze seien zudem nur Beaufsichtigung, keine Betreuung. Wer einen eng getakteten Alltagsrhythmus habe, könne den logistischen Aufwand nicht leisten, das Kind in eine andere als die übliche Kita zu bringen. Und über allem schwebe die Furcht, wegen mangelnder Zuverlässigkeit den Job zu verlieren.

Bürgermeister Peter Schneider begrüßt derweil die „tatsächlich überfällige Diskussion“, sorgt sich als Kindergartendezernent aber auch um die Finanzen, sollte der Streik Erfolg haben. Geld ist auch für die Eltern ein großes Thema. „Es ist ärgerlich, für etwas bezahlen zu müssen, wofür man keine Leistung bekommt“, spricht Karina Bunjaki für viele (dazu: Kasten). Zu den Kitagebühren von monatlich bis zu 174 Euro kommen bei vielen Ausgaben für Aushilfsnannys. Der städtische Eigenbetrieb EKO verzeichnet derweil einen leichten Anstieg an Streikenden. Zwar gebe es einige wenige, die an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt seien. Andere aber hätten den umgekehrten Weg eingeschlagen. So sei die Zahl der Arbeitenden unterm Strich gesunken, von anfangs 69 auf inzwischen 62, rechnet EKO-Vizechefin Claudia Kaufmann-Reis vor. Hinzu kämen urlaubs- und krankheitsbedingte Ausfälle, so dass das Notfallplatz-Kontingent von 715 auf etwa 700 reduziert werden muss. Waren am ersten Streiktag vor vier Wochen „nur“ 359 Notfallplätze vergeben, zählte sie Ende Mai schon 616, Tendenz steigend. Wie gehabt bleiben die Notfallplätze damit Berufstätigen vorbehalten. „Ausbaden müssen das die Nichtberufstätigen“, bedauert sie. Für Montag rechnet sie an der Notfall-Hotline (Tel.: 069/8065 3633) mit Stress.

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