„Deprimierende Zustände“

Offenbach - Geplant war eine Mitgliederversammlung mit turnusmäßiger Vorstandswahl. Nichts Ungewöhnliches also. Was sich daraus entwickelte, ist selbst für eine regelmäßig kritische Worte findende Organisation wie die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ungewöhnlich. Von Matthias Dahmer

Das jüngste Treffen des Kreisverbands Offenbach-Stadt, der zirka 500 Mitglieder zählt, geriet zu so etwas wie einer Abrechnung mit der Situation der Lehrkräfte an Offenbachs Schulen.

„Lehrerinnen und Lehrer aus allen Schularten berichteten von Zuständen, die im Einzelnen zwar schon bekannt, aber in ihrer Gesamtsicht nicht anders als deprimierend zu nennen sind“, sagt Dr. Wolfgang Christian, der im GEW-Kreisverband für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Die Folge, erläutert Christians Vorstandskollegin Gerda Günther, sei eine Demotivation der Lehrkräfte, welche sich zwar nicht direkt auf die Schüler auswirke, aber zum Beispiel ihren Ausdruck in einem hohen Krankenstand finde.

Baulichen Mängeln am Neubau

Die Bandbreite der von der GEW aufgelisteten Klagen reicht von baulichen Mängeln am Neubau auf dem Buchhügel über vom Land zu verantwortende schulpolitische Fehlentscheidungen bis hin zu Querelen zwischen Leitung und Kollegium an einzelnen Schulen.

So ärgert sich die Lehrerschaft der Theodor-Heuss-Schule immer noch über die „misslungene Binnenarchitektur“ des in öffentlich-privater Partnerschaft errichteten Neubaus am Buchhügel, bei dessen Planung die Pädagogen nicht gefragt worden seien. Das für Schüler nicht zugängliche Lehrerzimmer liege ungünstig, Beleuchtung und Belüftung „erfolgten unbeeinflussbar automatisch“, präzisiert Gerda Günther. Für Außenstehende eher zum Schmunzeln, für Betroffene wohl ärgerlich: Das über Bewegungssensoren gesteuerte Licht gehe aus, wenn sich Lehrer oder Schüler eine gewisse Zeit nicht bewegten.

Nur mehr Selbstständigkeit für Schulleitung 

An die Adresse des Kultusministeriums geht der Vorwurf, die als „Leuchtturmprojekt“ dargestellte „Selbstständige Schule“ verschaffe nicht Lehrern, Eltern oder Schülern, sondern allein der Schulleitung mehr Selbstständigkeit. Gesucht, sagt Gerda Günther, seien mittlerweile Manager-Typen an der Spitze der Schulen. Bei der Neubesetzung der Leiter-Posten zähle nicht selten das Parteibuch. Zu den erweiterten Befugnissen von Schulleitern passt für die GEW, dass neu eingestellte Lehrkräfte mit Sonderaufgaben vollgestopft und gleichzeitig bei einer Probezeit von drei bis fünf Jahren in Abhängigkeit des Direktors gehalten würden.

Für die verordnete Inklusion (Einbeziehung) behinderter Kinder gebe es zu wenig Personal, das achtjährige Gymnasium produziere wegen der Überfülle des Unterrichtsstoffs mehr Sitzenbleiber, kritisiert die GEW.

Zudem seien viele Eltern von der unzureichend finanzierten und mit unausgebildeten Hilfskräften arbeitenden Ganztagsschule enttäuscht. „Die Nachmittagsbetreuung läuft nur, weil die Leute für einen Hungerlohn arbeiten“, so Gerda Günther. Die Stadt Offenbach etwa stelle die Betreuungskräfte nicht selbst ein, sondern lasse AWO oder Fördervereine die Verträge abschließen.

Gestörte Verhältnis zwischen Schulleitung und Kollegium

Als Beispiel dafür, wie es innerschulisch schief laufen kann, nennt die GEW das Albert-Schweitzer-Gymnasium, wo eine Mediation nötig gewesen sei, um das gestörte Verhältnis zwischen Schulleitung und Kollegium zu kitten. Dort sieht man die Sache entspannt: Man habe im vergangenen Jahr „Gesprächsbedarf gehabt und erfolgreich eine moderne Art der Kommunikation genutzt. Das war nichts Grauenvolles, nichts Sensationelles“, sagt Schulleiter Ulrich Schmidt. Personalratsvorsitzende Marianne Macheroux pflichtet ihm bei: „Da gab es kein großes auslösendes Ereignis, wir haben dadurch die Kommunikation verbessern können.“

Dem GEW-Vorstand gehören an: Michael Köditz, Gerda Günther, Adeviye Altintas, Robert Horak, Hildegard Feuchter, Till Günther, Dr. Wolfgang Christian, Winfried Deschauer, Marion Dreiner, Gabriela Eisermann, Susanne Grünleitner und Karl Schywalsky.

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