Klamauk statt Klamotten

Offenbach - Legt man den ursprünglichen Plan zugrunde, ist die einmalige Aktion grandios gescheitert. Ihr unbestreitbarer Unterhaltungswert freilich sollte Mangel an einzelhändlerischem Nutzwert verschmerzen lassen. Von Thomas Kirstein

So zeigt sich Anita Ebeling, Chefin des Offenbacher Traditionshauses M. Schneider, am Ende auch gar nicht enttäuscht über eine möglicherweise misslungene Werbeaktion, sondern amüsiert über ein Spektakel, das sich aus den Verkaufsräumen auf den Vorplatz in der Frankfurter Straße verlagerte.

Schuld sind am Samstag ein zu schönes Wetter und der Umstand, dass sich großen Teilen des potentiellen Publikums offenbar gar nicht erschließt, was da eigentlich beim M. Schneider so abgeht.

Jimmy Hartwig und Olga Orange im Modehaus

Ein Herren-Modetag mit Jimmy Hartwig und Olga Orange: Wie der Ex-Fußballer gemeinsam mit Olga Orange eine Werbeaktion bei M. Schneider gestaltetet.

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Ein „Herren-Modetag“ mit Jimmy Hartwig und Olga Orange ist angekündigt. Aber weder der Ex-Fußballprofi, Buchautor (empfehlenswert: „Ich bin ein Kämpfer geblieben“) und Schauspieler (neulich im Capitol: „Eine Legende auf der Couch“) mit Lohwald-Wurzeln noch der Travestiekünstler (Mühlheim, Offenbach, jetzt Reichelsheim) scheren sich einen Deut um die seriöse Vermittlung von Herrenmode. Geplant war, wie M.Schneider-Mitarbeiterin Martina Groß verrät, ein improvisiertes Szenario: Jimmy will sich neu einkleiden, Olga berät ihn übers Modehaus-Sortiment.

Daraus wird nichts außer Improvisation. Man hat beiden zwei Sessel hingestellt, wo sie miteinander plaudern sollen. Aber es bleiben nur wenige Kundinnen oder Kunden stehen, um ihnen länger zuzuhören. Da ist es schon nötig, aufs Volk zuzugehen und den geballten Charme aufs anmachbereite Individuum wirken zu lassen.

„Reikommereikommereikomme“, tönt übers Mikrofon der William Georg Hartwig aus „de Kerscheallee“ - grad so, als hätte es ihn einst nicht als Bundesligaprofi zum Hamburger Sportverein, sondern als Schlepper auf die Reeperbahn verschlagen.

Schlüpfrig, anarchistisch, spontan und witzig

Draußen, an der frischen Luft, neben Bierbänken, Zapfanlage und Würstchengrill wirkt schon deutlich besser, was der ehemalige Defensivexperte im rosa Pulli und die drall-schrille Queen im Kaffeekränzchen-Fummel, die sich vorher nie getroffen haben, da aus dem Stegreif produzieren: einfach schönstes Schläächtgebabbel, teils schlüpfrig, anarchistisch immer spontan, manchmal unterirdisch, witzig, meist unerwartet, viel freigiebiger als vorgesehen die M.Schneider-Rubbellose verteilend. Kurz: Das Motto lautet wohl „Klamauk statt Klamotten“.

Modehaus-Chefin Ebeling stört’s nicht. Sie hatte sich von Jimmy Hartwig begeistern lassen, als er sein Buch bei Thalia vorstellte, ihn angesprochen und „für irgendwas“ in ihrem Haus verpflichtet. Die angedachte Talkrunde kam nicht zustande, dafür der Auftritt mit Thomas Raus schrillem Alter ego.

Hartwig hat sich auch von einem dreitägigem Krankenhausaufenthalt nicht von der Fahrt von München in die alte Heimat Offenbach abhalten lassen. „Zugesagt ist zugesagt“, sagt er zum Oberbürgermeister Horst Schneider, der mal kurz vorbeischaut.

Mitleid für den „Herrn Hartwig“

Das kriegt aber nur mit, wer zufällig danebensteht. Die nicht so besonders große Masse erreicht Jimmys sympathisches Schlappmaul. Zwei Damen, die „den William“ offenbar noch aus Kickers-Tagen kennen, kaufen sein Buch und loben seine natürlich wirkende Fröhlichkeit: Wo die scheinbare Frohnatur doch so viel mitgemacht hat in ihrem jetzt 56-jährigen Leben, Schmähungen wegen der Hautfarbe, die Fußball-Millionen verloren, Drogen, Krebs, Psychoprobleme, Dschungelcamp...

Und so ist die von M.Schneider arrangierte erneute Rückkehr des Jimmy Hartwig zu Offenbacher Wurzeln (2010 gab er der lokalen Sportgala schon besonderen Pfiff) dann doch nicht nur vordergründiges Spektakel, sondern hat auch besondere menschliche Aspekte. Man muss es ja nicht gleich wie eine ältere Dame sehen: „Wie der Herr Hartwig durch die Gegend tingeln muss, tut mir schon ein bisschen leid.“

Rubriklistenbild: © Georg

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