Mit Klassik Patientinnen helfen

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Passendes Ambiente fürs Benefizkonzert des Klinikum-Fördervereins: Die barocke Prachtentfaltung in der 100 Jahre alten Kirche St.Marien.

Offenbach - Warten zu müssen ist lästig, doch selten wirklich schlimm. Über Stunden im Stau zu stehen, oder aufs Essen im Restaurant zu hoffen, sind Ärgernisse, die sich rasch wieder legen. Andere Gründe des Wartens gleichen jedoch einer Tortur. Von Stefan Mangold

„Für eine Frau, bei der Verdacht auf Brustkrebs besteht, fühlt sich die Zeit bis zur endgültigen Diagnose schrecklich an“, sagt Hermann Schoppe (76), der Vorsitzende des Fördervereins des Klinikums Offenbach.

Im Brustzentrum des Krankenhauses gibt es zwei entsprechende Ultraschallgeräte, für deren Nutzung existiert jedoch eine Warteliste. Die strapaziert zum einen die Nerven der betroffenen Frauen. „Zum anderen spielt die Zeit bei einer gefährlichen Krankheit eine dominierende Rolle“, betont Professor Christian Jackisch, Chefarzt des Brustzentrums, am Sonntag in der Marienkirche.

Dorthin hat der Förderverein zu einem Benefizkonzert eingeladen. Der Erlös soll in die Anschaffung eines weiteren Ultraschallgeräts fließen. Das kostet rund 60.000 Euro. Hermann Schoppe ist da guter Dinge: „Seit der Gründung des Fördervereins 2009 haben wir 450.000 Euro für Projekte gesammelt.“

In der Marienkirche konzertiert das Kammerorchester Collegium Musicum Frankfurt. Ein Laienorchester, in dem offensichtlich keiner mitspielen darf, nur weil er eine Geige oder Bratsche halten kann.

Wie in fast allen Kirchen ist die Akustik heikel. Wenn die Einsätze nicht präzise kommen, verschwimmt der Klang zu einem Brei. Was dem Collegium Musicum nicht passiert, wie nach den ersten Takten der „Abdelazer Suite“ von Henry Purcell klar ist. Am Pult steht Jens-Uwe Schunk, der ein Programm dirigiert, das auf eingängiges Streichorchester-Repertoire verzichtet.

Die Qualität des Orchesters können die zahlreichen Besucher besonders in der „Simple Symphony“ von Benjamin Britten hören. Die Komposition des Engländers passt ins Gesamtprogramm, das musikalisch einem roten Faden folgt.

Die Konzertmeisterin Barbara Schenk interpretiert in „Elegy for Violin and String Orchestra“ des nordamerikanischen Pianisten und Komponisten Keith Jarrett den Solopart. Ein zeitgenössisches Stück. Vor atonalen Akkorden muss sich jedoch kein Ohr fürchten. Die getragenen Bögen wirken jedoch wie das Unterfangen, das Zentrum einer depressiven Tristesse zu verlassen.

Schenk musiziert mit großer Gelassenheit. Sie macht wenig und deshalb alles richtig. Die Geigerin widersteht der Versuchung, ihren Part durch forciertes Expressivo auszukosten und überlässt die Musik sich selbst.

Die Kammersinfonie für Streichorchester von Dmitri Schostakowitsch folgt anschließend und Jarretts Elegy einem Verwandten, der ebenfalls vorbeischaut. Wie Schostakowitsch die Töne setzt, so hört sich in Noten gefasste Angst an. Bedrohlich wirkt ein plötzlicher Wechsel in den Walzertakt.

Das Stück des russischen Komponisten, der während der Stalin-Zeit mit einem Bein im Lager stand, nur durch öffentliche Selbstkritik den Kopf aus der Schlinge zog, klingt wie die szenische Untermalung eines Menschen, der heimatlos durch die Straßen einer Großstadt läuft. Passend zum nasskalten Tag in Offenbach.

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