Klein, fein und immer voll

+
Peppig und politisch: Für den Rückblick aufs Jahr 2010 nimmt Protokoller Detlef Reissmann kurzerhand die Offenbach-Post zu Hilfe.

Offenbach ‐ „Wir sind daran schuld, dass die Wikingersitzung in Offebach hat Kult!“ Für Sitzungspräsident Manfred Reißmann stellt sich gar nicht erst die Frage, ob der Fasching bei der SG Wiking zur ersten Wahl in der Stadt zählt.  Von Silke Gelhausen-Schüßler

Seit Jahren geben ihm ausverkaufte Sitzungen und ein übermütiges Publikum die Antwort. So auch wieder am Sonntagnachmittag zur traditionellen Kreppelsitzung. Als echte Wikinger hat man neben „Offebach hallau“ auch „Uga, uga, ra, ra“ zu rufen und begrüßt seinen Tischnachbarn von gegenüber mit Fingerhakeln. Wer weiß schließlich schon genau, ob der reisefreudige nordische Stamm nicht auch jenseits des Weißwurstäquators sein Unwesen trieb?

Einschränken müssen sich die Akteure auf der nicht gerade ausladenden Bootshaus-Bühne. Um sich nicht gegenseitig auf die Füße zu treten, werden sämtliche Tanzgruppen nur mit maximal sechs Personen besetzt. Die Platzverhältnisse verlangen nicht nur der „TSC Fantasy“ volle Konzentration ab – für die Mädchen ist der Marschgardetanz bereits ihr 13. Auftritt in dieser Saison. Die „Pretty Girls“ von der Gemaa Tempelsee lassen zur fetzigen Musik aus dem Musical „Grease“ die Petticoats fliegen. Für den Wiking-Auftritt sind die fünf besten ausgewählt worden, den stolzen Mädchen fällt das Lächeln nicht schwer. Zu ihrem Auftritt am Rosenmontag in der Stadthalle wünscht Manfred Reißmann mit dem ersten Versprecher des Tages noch „viel Spaß in der Kapelle“.

Lokalpolitik bekommt ihr Fett weg

Perfektes Styling, tolle Choreografie, exzellente Kostüme – die „Diamonds“ aus Klein-Krotzenburg reißen mit ihrem Showtanz „Barock – Rock me Amadeus“ jeden mit. Die Gruppe junger Frauen zwischen 20 und 29 Jahren besteht seit fünf Jahren und ist ein Ableger des „Volkschores“ von 1881.

Detlef Reissmann hat sich als Protokoller für 2010 die Zeitung vorgeknöpft: „...und hol mir dann den besonderen Kick: Ich kauf mir die Offenbach-Post mit dem Jahresrückblick!“ Nach kurzem Ausblick auf die Deutschlandpolitik wagt er sich – immer wieder den Blick zum anwesenden Oberbürgermeister Horst Schneider geschwenkt – an die Lokalpolitik. Hier bekommen nicht nur der Hafen-Neubau, das Kickers-Stadion oder der Klinik-Umzug ihr Fett weg.

Für die erste Rakete des Nachmittags sorgt Stefan Heberer aus Dietesheim. Als Narr verkleidet mokiert er sich erstmal über seine bunten Klamotten: „Ich komm mer vor, so glaubt es mer, wie e Fleischwurscht in Geschenkpapier.“ Der Schalk belässt es aber nicht beim reinen Vortrag. Das Publikum ist gefordert, Antworten auf seine Spitzfindigkeiten zu geben. „Warum haben bei der Autofahrerei, die Offebesche stehts ein Messer dabei? Kei Ahnung? Ei, es is zum Flenne: damit se die Kurv besser schneide kenne!“ oder: „Warum säge im Nordend kurz und knapp, die Leut ihren Betten die Beine ab?“ Der einzige Bewohner dieses Stadtteils unter den Zuschauern weiß die richtige Antwort: „Damit sie tiefer schlafen können!“

Prinzenpaar tauscht die Rollen

Kolpingelfer-Mitglied Wolfgang Braun quält mal wieder das Älterwerden. „Ich steh am Kiosk mit dem Playboy in der Hand, da secht son junger Kerl zu mir: 'Ei Alter, die is für mich, nimm die Apothekenumschau, die is für dich!'. Da merkste wie durch Zauberei: Die guten Jahre sind vorbei.“ In Insiderkreisen würde das Gesundheitsblättchen im übrigen als Rentner-Bravo gehandelt. Die Zielgruppe 60 plus habe aber auch beim täglichen Einkauf einen ganz entscheidenden Vorteil: „...und schwätz die schwindlig lang und breit, denn wie gesagt, ich hab ja Zeit!“

Beim Offenbacher Prinzenpaar Herbert II. und Sabine I. werden diesmal die Rollen vertauscht. Da die Lady vom Tempelsee ihre Stimme noch schonen muss, übernimmt der Sir vom Bieberer Berg den Gesang. Klar, dass da nur ein Lied in Frage kommt: „Sabinchen war ein Frauenzimmer“. Musikalisch wurde auch sonst noch viel geboten. Ob Randstaajodler der Kolping-Elfer oder die Moritatenlieder der Wiking-Disharmonists mit Drehorgel-Begleitung von Jürgen Dönges, Detlef und Manfred Reißmann: Zum Mitsingen gab´s viele Gelegenheiten. Als Augenschmaus indes unbedingt zu erwähnen ist der beeindruckende Solotanz der kleinen Stadtgardistin Zoe Melchers, die erst im vergangenen Herbst mit dem Tanzen begonnen hat.

Mit Gummistiefeln, Damenschirm, Regenmantel und Schlüpfer ausstaffiert stacksen sechs Kerle der Fußballabteilung ein wenig kraftlos zum Power-Song der Weather Girls („It´s raining men“) über die Bühne. Ihnen steckt wohl noch der 3:1–Sieg des Nachholspiels am Sonntag in den Knochen. Mehr Pfeffer gibt es bei den Vorträgen von „Sträfling“ Axel Heilmann, ein bekanntes Gesicht bei den Wikingern, und dem „Narren-Oskar“ Bernd Bruch – beide aus Frankfurt –, die begeisterte Raketen ernten.

Kommentare