Schmuddel-Image loswerden

Kleiner Biergrund: Aufwertung fürs „Stiefkind“

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Olf Kehr, Sigrid Trost, Regina Noe und Osman Göverim von der „Interessengemeinschaft Kleiner Biergrund & Salzgässchen“ freuen sich über die Veränderungen in ihrem Viertel. Morgen eröffnet das neue Restaurant Rosmarin (Kleiner Biergrund 11, blaues Haus), das Eckhaus Berliner Straße 48 wird umgebaut und neu vermietet.

Offenbach - Zu viele wechselnde und zwielichtige Läden, zu wenig einladend zum Verweilen. Der Kleine Biergrund und das Salzgässchen haben es schwer, ihr Schmuddel-Image loszuwerden. Von Veronika Szeherova

Dabei hat sich die Ecke zwischen Wilhelms- und Marktplatz in den vergangenen Jahren stetig gemausert. Nun soll ein letzter Schandfleck verschwinden.

Das Eckhaus zwischen Berliner Straße und Kleinem Biergrund, ein unansehnlicher Komplex aus Gaststätten, Läden und Wohnungen, wird umgebaut und neu vermietet. Damit sind auch die Shisha-Bar und Diskothek Geschichte. Die Besitzverhältnisse des Gebäudes wechselten häufig. Nach einem Erbstreit der letzten Eigentümer erwarb es die Obertshausener Baufirma Rudolph im November 2011. Mit dem Umbau hat sie nun begonnen. „Die Baugenehmigung haben wir erst jetzt bekommen“, berichtet Maklerin Claudia Schrader. Nicht nur darüber zeigt sie sich enttäuscht: „Es gab einige schwierige Mieter, die wir rausbringen mussten. Das hat uns viel Mühe und Geld gekostet. Von Stadt und Ordnungsamt haben wir keine Hilfe bekommen.“

Unten gibt es weiterhin Gewerbe

In den Stockwerken zwei bis fünf entsteht ein Boardinghouse mit 30 Wohnungen zwischen 25 und 60 Quadratmetern. „Die größeren Wohnungen sind Suiten mit exklusiver Ausstattung wie einer Eck-Whirlpoolbadewanne“, verrät Schrader. „Damit wollen wir ein gehobeneres Klientel ansprechen.“ Im 1. Obergeschoss sind ein Restaurant und Arztpraxen vorgesehen. Unten gibt es weiterhin Gewerbe. Auch von außen soll sich die Berliner Straße 48 ändern. So wird etwa der Sims, der nur den Tauben attraktiv erschien, entfernt. Außerdem werden Balkone und eine Dachterrasse gebaut. Wenn alles planmäßig verläuft, sind die Arbeiten bis Oktober abgeschlossen.

Über diese Entwicklungen freut sich die „Interessengemeinschaft Kleiner Biergrund & Salzgässchen“, die sich seit etlichen Jahren für eine Aufwertung der Gegend einsetzt. „Diese Ecke war immer ein Stiefkind der Stadt“, sagt Sprecher Olf Kehr. „Dabei finden sich hier Raritäten und hohe Qualität, die man auf den ersten Blick nicht vermuten würde.“ Schirmmacher Schäfer sei der Letzte seiner Zunft in Offenbach, Schuster Trost der Älteste, das Tee- und Kaffeehaus sei eine exzellente Adresse für Leckermäuler. Die meisten Läden würden sich gut einbringen, die nachbarschaftlichen Verhältnisse seien positiv. „100-prozentig zufrieden ist man aber nie“, so Kehr, der eine Zahnarztpraxis im Kleinen Biergrund betreibt.

Straßenfest im Kleinen Biergrund

Ein Beispiel dafür hat Sigrid Trost parat: „Ein Mieter hat eine Zeit lang teilweise mit Megaphon die Preise seiner Ware verkündet, das war schon sehr lästig.“ Doch das sei die Ausnahme. „Die meisten, die hier Gewerbe betreiben, tun dies mit Hirn und Herz. Wir sitzen in einem Boot“, lobt Kaffeehaus-Inhaberin Regina Noe, die mit Kehr, Trost und Osman Göverin vom Café Stop & Go den „harten Kern“ der Interessengemeinschaft bildet.

Sie waren es auch, die das Straßenfest im Kleinen Biergrund ins Leben gerufen haben. Für September ist die dritte Auflage geplant. „Im ersten Jahr haben wir es innerhalb von nur zwei Wochen auf die Beine gestellt“, erzählt Noe. Das Besucherinteresse gab den Veranstaltern recht. Die zweite Auflage war noch erfolgreicher, wie Kehr schildert: „Alle Anlieger ringsum haben mitgemacht. Allein unsere Tombola brachte einen Erlös von über 1000 Euro für die AWO.“ Um Geld zu sparen, etwa für die Gema, möchten die Organisatoren das Fest wieder auf den selben Tag wie das Kulturfest der Nationen legen. „Wir wollen das vergangene Jahr noch toppen, haben viele Ideen“, schmunzelt der Zahnarzt.

Wiener Schnitzel, wie sonst nirgends in Offenbach

Eine andere Festivität steht indes schon am morgigen Samstag an. Im Kleinen Biergrund 11 eröffnet ein neues Restaurant. Im „Rosmarin“ wird eine kulinarische Mischung angeboten, die passend zu diesem Ort Kulturen zusammenbringt. Küchenchef Mohamed El Amir aus Ägypten kocht internationale Spezialitäten mit dem Schwerpunkt österreichische Küche. Bereits in der Heimat ist er durch einen Bekannten auf deren Geschmack gekommen, absolvierte dann in Wien seine Ausbildung zum Koch. „Ich mache ein Original Wiener Schnitzel mit Preiselbeeren und Kartoffelsalat, wie man es sonst in Offenbach nicht bekommt“, verspricht der 42-Jährige.

Mit seinem Restaurantkonzept war er vier Jahre lang an der Sprendlinger Landstraße anzutreffen, freut sich nun auf die Eröffnung in der Innenstadt. Täglich bietet er Frühstück und Mittagstisch an, sonntags gibt es offenen Brunch. Eine Besonderheit: Auf der Karte steht keinerlei Alkohol, dafür verschiedene alkoholfreie Cocktails. „Wer Alkohol trinken möchte, kann sich Flaschen mitbringen, die schenken wir kostenlos aus“, sagt El Amir.

Zur Eröffnung morgen ist jeder Interessierte geladen, Oberbürgermeister Horst Schneider hält um 11 Uhr die Eröffnungsrede. Es gibt bayerische Livemusik und ein Dreigängemenü. „Ein richtiges Fest. Das ist positiv fürs Restaurant und die ganze Straße“, freut sich Kehr.

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