„Kleiner Fisch“ am Haken

Offenbach - Der Bundesgerichtshof (BGH) hat in dieser Woche in einem bemerkenswerten Urteil die Rechte von Anlegern gestärkt. Kernsatz: Bankberater müssen Kunden klar vor Verlustrisiken warnen. Von Matthias Dahmer

Ob die Offenbacherin Brigitte M. (Name der Redaktion bekannt) sich auf den Richterspruch berufen wird und gegen ihr ehemaliges Kreditinstitut prozessiert, ist noch offen. Sicher ist jedoch: Das, was der 73-Jährigen passiert ist, wirft ein unschönes Bild auf die Branche und würde vermutlich mühelos als Präzedenzfall für Justitia taugen.

Brigitte M. ist eigentlich eine brave, in Bankgeschäften unerfahrene Sparerin, war lange Jahre Kundin bei der Dresdner Bank, besaß dort eine konservative Anleihe, die mit 2,6 Prozent verzinst war.

Und sie glaubte ihrem Berater. Der riet ihr Ende 2007, ihr Gespartes in Höhe von rund 50 000 Euro in ein Bonuszertifikat der UBS AG zu stecken und wechselte 2008 zu einer Frankfurter Privatbank. Weil er der Mann ihres Vertrauens war, wechselte die alte Dame mit. Obwohl sie mit ihren Ersparnissen eigentlich ein zu „kleiner Fisch“ für die Privatbanker ist, wie ihr Sohn berichtet.

Wie klein, wurde ihr einige Wochen später klar, als sie eine Kopie des von ihr in Frankfurt ausgefüllten „Analysebogens für die Anlageberatung“ zugeschickt bekam und aus allen Wolken fiel: „Kundin investiert überwiegend in Fonds und Zertifikate“, wurde ihr da bescheinigt. Und dass ihr Anlageverhalten „zur Beimischung“ der Klasse fünf zuzuordnen ist; jener, in der hoch riskante Geschäfte abgeschlossen werden. Außerdem war Brigitte M. laut Analysebogen aufgeklärt über das volle Zockerprogramm der Banker: Aktien, Genussscheine, Optionsscheine, Termingeschäfte, Fonds und - immerhin - das Totalverlustrisiko. Gipfel der angeblichen Beratung: Beim Anlegerhorizont der 73-jährigen Depotinhaberin wurden fünf bis zehn Jahre angekreuzt.

Mein Berater legte mir damals den Bogen vor mit der Angabe, dass er noch einige Unterschriften von mit benötige. Nähere Angaben zu den Unterlagen machte er nicht. Ich dachte, sie stehen im Zusammenhang mit dem Bankenwechsel“, schildert Brigitte M. den Vorgang.

Sie schrieb sich ihren Ärger in einem zweiseitigen Brief an die Bank von der Seele: „Ich werde in die Risikoklasse fünf eingestuft. Das ist schon ungeheuerlich! Darf ich Sie fragen, wie viele Frauen im Alter von 73 Jahren Sie kennen, die hoch spekulative Geschäfte tätigen?“

Brigitte M. war von Mai bis November 2008 Kundin der Privatbank, zu keiner Zeit hat es Beratungsgespräche oder Informationen über die Entwicklung ihres Zertifikats gegeben, berichtet sie. „Trotz der Turbulenzen an den Märkten wurde es nicht für nötig befunden, mich darüber zu informieren. Erst als das Kind in den Brunnen gefallen war, bekam ich einen Anruf“, so die Kleinanlegerin, die mittlerweile zwei Drittel ihres Vermögens verloren hat

Es besteht ein eklatanter Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit einer Privatbank, die besonders viel Wert auf eine individuelle Kundenbetreuung legt, findet Brigitte M. und vermutet, guter Service fange erst ab einem bestimmten Anlagebetrag an. All das hat sie der Bank auch geschrieben. Die Antwort steht noch aus.

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