„Illegale Bebauung“

Stadt zerstört Garten-Traum

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Ein Garten voller „Ordnungswidrigkeiten“: Hildegard Wojteczek hat das Grundstück vor zwei Jahren erworben und ist nicht bereit, den Garten aufzugeben.  

Offenbach - Ein eigenes Stück Land im Grünen, ein Garten zum Seele baumeln lassen: Das war der Traum von Hildegard Wojteczek und ihrem Mann, als sie im Jahr 2012 ein Grundstück in den Bruchgärten in Bieber erwarben. Doch es sollte anders kommen. Von Veronika Schade 

Nachdem das Areal im vergangenen Jahr zum Landschaftsschutzgebiet erklärt wurde, sollen die Kleingärtner weichen.  Im November 2013 bekam das Ehepaar ein Schreiben des Umweltamts, das sie erschreckt und ratlos zurückließ: Darin wird ihnen vorgeworfen, diverse Ordnungswidrigkeiten begangen zu haben mit der Überschrift „Eingriff in Natur und Landschaft und in das Landschaftsschutzgebiet der Stadt Offenbach am Main“. Ihre „Verstöße“ beinhalten unter anderem die Errichtung eines Maschendrahtzauns, einer Toilettenkonstruktion sowie eines baugenehmigungspflichtigen Hauses und die Verlegung von Gehwegplatten.

Dass diese Dinge „illegal“ sind, ahnten sie bis dahin nicht. Haben sie doch den Garten zum Großteil bereits mit diesen baulichen Gegebenheiten gekauft. Der Verkäufer hatte ihnen vor Abschluss des Kaufvertrags eine Auskunft der Stadt vorgelegt, nach der das Grundstück als „Grünfläche mit der Zweckbestimmung wohnungsferner Garten“ dargestellt ist. Die Bruchgärten wurden, wie der Name impliziert, seit Jahrzehnten als Gärten genutzt. Für 11.000 Euro ging der Kauf über die Bühne, knapp 22 Euro kostete der Quadratmeter.

Schädlicher Eingriff für neutralen Betrachter nicht erkennbar

Ein Jahr lang erfreuten sich die Wojteczeks an ihrem Garten, erbauten auf den Grundmauern der in die Jahre gekommenen Gartenhütte ein neues Häuschen. „Wir waren uns sicher, dass die Gartenhütte genehmigt war und ein Umbau keine Probleme bereitet“, sagt Hildegard Wojteczek. „Wir haben uns nicht informiert. Wir sehen den Fehler ein und bauen die Hütte wieder ab.“ Für die anderen Vorwürfe aber hat sie kein Verständnis. „Ich werde nicht geradestehen für ,Ordnungswidrigkeiten‘ meines Vorgängers.“ Zumal ein schädlicher Eingriff in die Natur auch für den neutralen Betrachter nicht erkennbar ist.

Ein Frosch lebt im gemauerten Wasserloch des Gartens. Auch das soll als „Eingriff in die Natur“ wieder abgebaut werden.

Im Gegenteil: Der Zaun ist mit dichten Brombeerhecken zugewachsen, auf dem Schuppen breitet sich wilder Wein aus, die Wiese ist ungemäht, in einem gemauerten Wasserloch hat ein Frosch sein Domizil. „Manchmal kommen auch Molche“, freut sich die 49-Jährige. Der Brunnen soll laut städtischer Anordnung ebenso entfernt werden wie die einzelnen alten Gehwegplatten, die den „Boden versiegeln“, und die Koniferen, die ein „nicht-standortgerechtes Gehölz“ darstellen. Privatflächen zum Landschaftsschutzgebiet zu ernennen und von den Besitzern zu erwarten, diese zu räumen, bezeichnet die Kleingärtnerin als „reine Behördenwillkür“.

Bundesnaturschutzgesetz greift zusätzlich

Eine ähnliche Verordnung über so genannte naturnahe Freiflächen wurde wurde bereits in Rumpenheim/Biebernsee beschlossen und umgesetzt. Die zuständige Sachbearbeiterin soll zu ihr gesagt haben, dass sie dies bis zu ihrer Pensionierung auch in Bieber erreichen wolle. „Das hat mich wirklich umgehauen“, erzählt Wojteczek. Eine Bebauung sei auf diesem Areal bereits vor der Novellierung der Landschaftsschutzgebietsverordnung im Jahr 2013 ordnungswidrig gewesen, stellt Heike Hollerbach, Leiterin des Amts für Umwelt, Energie und Klimaschutz, klar: „Außerhalb bebauter Ortsteile ist eine Bebauung bis auf einzelne genehmigungspflichtige Fälle nicht zulässig.“

Nun greife dort zusätzlich das Bundesnaturschutzgesetz, das auch privat genutzten Grundstücken übergeordnet sei. In einem Landschaftsschutzgebiet sind nach Hollerbachs Worten alle Handlungen verboten, die den Charakter des Gebiets verändern, dessen Erholungswert beeinträchtigen, die Eigenheiten der Natur missachten und verunstalten. Dazu gehöre auch der Bau eines Gartenhauses oder eines Zauns. „Diese Flächen müssen Mensch und Natur uneingeschränkt zur Verfügung stehen“, erklärt Hollerbach. Die anderen Grundstücksbesitzer in den Bruchgärten müssten ebenfalls bald mit Post von der Stadt rechnen. „Wir prüfen das nach und nach, haben einzelne Arbeitspakete.“

Biber und andere Tiere

Biber und andere Tiere

Sie äußert Verständnis für deren Lage („Niemand unterstellt ihnen, es mit Absicht getan zu haben“), beruft sich jedoch auf die klare Gesetzgebung: „Als Amt sind wir angehalten, nach Recht und Gesetz zu verfahren. Da haben wir keine Wahl.“ Abräumverträge seien im Naturschutzrecht gang und gäbe. „Wir finden eine vertragliche Lösung, die zeitlich überschaubar ist“, beteuert die Umweltamtsleiterin. Die Eigentümer könnten nach der Räumung beispielsweise weiter mit Gartenstühlen auf ihr Grundstück kommen, müssten diese nach Benutzung wieder mitnehmen.

„Das ist Landentwertung“, trauert Wojteczek. Innerhalb von drei Monaten werden sie und ihr Mann die Hütte abbauen, innerhalb von drei Jahren sollen sie den Rest räumen. Ihr Anwalt sieht den Fall als abgeschlossen an, die Heusenstammerin nicht: „Ich hoffe, dass sich andere Betroffene melden und wir eine Sammelklage einreichen können. Jahrzehnte haben diese Gärten niemanden gestört. Ich werde um meinen Garten kämpfen.“

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