„Klientel ist ganz anders“

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Einige Bieberer Eltern entscheiden sich dafür, ihren Nachwuchs lieber nach Heusenstamm aufs Gymnasium zu schicken.

Offenbach ‐   Genügen die vier Offenbacher Gymnasien den Anforderungen der Eltern nicht? Die Suche nach der weiterführenden Schule beschränkt sich nicht aufs Stadtgebiet, sondern erweitert sich auf den Kreis. Die Anzahl derer, die ihren Nachwuchs „in die Provinz“ schicken, ist nicht unerheblich. Von Veronika Szeherova

Das Adolf-Reichwein-Gymnasium in Heusenstamm besuchen besonders viele Kinder aus Offenbach, hauptsächlich Bieber. Der Spitzenjahrgang war 2006/2007, als 15 Schüler von der Offenbacher Grundschule ans Heusenstammer Gymnasium kamen. Eine Entscheidung, die nach sorgfältiger Überlegung und Abwägung getroffen wurde, wie die Betroffenen bestätigen. Doch namentlich erwähnt werden wollte in der Zeitung niemand. „Wir möchten nicht von den Leuten darauf angesprochen werden“, lautet der Tenor. „In unserem Bekanntenkreis ist es bekannt, andere brauchen es nicht zu erfahren.“

Die gute Erreichbarkeit der Schule spielt nach wie vor eine große Rolle. Doch obwohl die Rudolf-Koch-Schule ganz zentral liegt, war gerade das einigen Müttern ein Dorn im Auge. „Mein Kind soll nicht dort vorbei gehen müssen, denn mir gefällt die Klientel rund um den Marktplatz ganz und gar nicht“, formuliert es eine Mutter aus Bieber.

Tochter wollte möglichst bald mit Spanisch beginnen

Bei derselben Familie schied auch die Leibnizschule aus, weil zu diesem Zeitpunkt die Frage der Leitung ungeklärt war und „zu viele Schüler aufgenommen wurden, so dass die Klassen zu groß wurden.“ An der Albert-Schweitzer-Schule gefiel die „unstrukturierte Präsentation“ beim Tag der offenen Tür nicht. So blieb für den Sohn im Grunde nur der Weg nach Heusenstamm. „Es war die bevorzugte Wahl, hauptsächlich, zum einen, weil dort eine ganz andere Klientel ist, zum anderen, weil die Ausstattung der Schule wesentlich moderner ist,“ erklärt die Mutter. Der Sohn habe die Entscheidung mitgetragen, obwohl er aus seiner Klasse damals der Einzige war, der aufs Adolf-Reichwein-Gymnasium ging. „Das ist drei Jahre her, und wir sind alle mit der Schule rundum zufrieden.“

Für eine weitere Bieberer Familie stand in Offenbach zunächst die Marienschule zur Debatte. Die Tochter wollte möglichst bald mit Spanisch als zweiter Fremdsprache beginnen, was in der Mädchenschule erst ab der achten Klasse möglich ist. Deshalb schaute man sich die Albert-Schweitzer-Schule genauer an, wo Spanisch bereits ab der siebten Klasse als zweite Fremdsprache angeboten wird. „Mein Mann fand Gekritzel an Wänden und Tischen von vor 20 Jahren“, sagt die Mutter. Und außerdem habe ihr nicht gefallen, dass der Schulleiter sich mit 38 verschiedenen Nationen auf dem Gymnasium gerühmt habe. „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber zu viele in einer Klasse halte ich nicht für eine Bereicherung für den Unterricht“, meint sie.

Die Tochter kam im Schuljahr 2008/2009 mit elf weiteren Bieberer Mitschülern aufs Adolf-Reichwein-Gymnasium. Jetzt besucht auch ihre Cousine aus Bürgel die Einrichtung: „Die Anfahrt ist in dem Fall zwar etwas aufwändiger, aber die Qualität der Schule macht das wieder wett.“

Kein „Abwanderungs“-Trend

Eine andere Mutter legt Wert darauf, ihre Wahl für Heusenstamm „nicht als Entscheidung gegen Offenbach, sondern als ein Zugeständnis an die freie Schulwahl“ zu betrachten. Es habe ganz rationale Gründe. Die Kriterien waren ebenfalls Spanisch als zweite Fremdsprache, und die Musikbegeisterung der Tochter, die zwei Instrumente spielt. „Sie geht jetzt in eine spezielle Streicherklasse, die es so in Offenbach nicht gibt“, so die Mutter. Bei der Auswahl standen schlichtweg die Neigungen des Kindes im Vordergrund. Alle Eltern teilen zudem die Ansicht, dass es für Kinder aus Bieber leichter und sicherer ist, nach Heusenstamm zu radeln als in die Offenbacher City.

Dr. Peter Bienussa vom Städtischen Schulamt und Adolf-Reichwein-Schulleiter Siegfried Ritter sehen keinen „Abwanderungs“-Trend. In diesem Schuljahr seien nur vier Kinder aus Offenbach gekommen. „Etwa fünf bis sechs Offenbacher sind es immer gewesen, die nach der Grundschule nach Heusenstamm gegangen sind“, sagt Bienussa. Auch Ritter meint, dass es das „schon immer“ gegeben habe. „Unsere Schule ist natürlich daran interessiert, attraktiv zu sein.“

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