Über Unschuld und Freiheit

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„Beweisen Sie mir Ihre Unschuld mit einem DNS-Test!“ - Müsste es nicht eigentlich umgekehrt sein? Gilt es nicht, die Schuld des anderen zu beweisen? So fordert es zumindest die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, deren einzelne Artikel Darsteller im Klingspormuseum verkörperten und interpretierten.

Offenbach - Vom Abstrakten ins Konkrete rückten Schauspieler die Menschenrechte im Klingspormuseum. Die Idee der beiden t-raum-Betreiber kam gut an. Von Stefan Mangold

Die Menschenrechte sind unteilbar. Angeblich. Die Fotografin Karin Nedela mimt den Manager einer Fabrik für Landminen. Der erklärt, seine Produkte sorgten für die Sicherheit von Soldaten. Auf vermintem Terrain könne kein Feind angreifen. Kambodschanische Reisbauern, die ihre Beine verlieren, seien selbst Schuld. „Die müssen besser aufpassen.“

Karin Nedela fragt daraufhin das Publikum, ob sie ihre Arbeitsstelle kündigten, wenn sie erführen, dass ihre Firma „entfernt etwas mit Minenherstellung“ zu tun habe? Fazit: Entspannter lebt es sich offensichtlich, wenn man nicht jeden Kontext kennt. Was das Ganze soll? Sarah C. Baumann, Schauspielerin und Regisseurin des Theaters t-raum an der Wilhelmstraße, initiierte am vergangenen Sonntagnachmittag die Aktion „Künstler für Menschenrechte“. Das Konzept: Baumann und ihr Kollege Frank Geisler führen Besucher durchs Klingspormuseum. Statt vor statischen Exponaten halten sie an 22 Stationen, an denen Künstler ihre Sicht auf die 30 Artikel der Präambel der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ interpretieren.

„Freiheit herrscht nicht!“

Wer das Museum betritt, begegnet einer Frau im Ärztekittel, die mit einem Q-Tipp den Besuchern über die Hand streicht, um vorgeblich deren DNS zu gewinnen. Sie verlangt einen Test, „mit dem Sie ihre Unschuld beweisen können“. Hinter dem Mundschutz steckt Schauspielerin Alexandra Odri. Ihr geht es um Artikel 11 der Menschenrechte, um das Recht, als unschuldig zu gelten, solange man nicht verurteilt ist.

Stefan Adloff und der Percussiongruppe Kobanga wiederum geht es um das „Recht auf Meinungsfreiheit“. Adloff ruft aus, es sei ein Irrtum, zu glauben, hier herrsche Freiheit – „Freiheit herrscht nicht!“. Außerdem zitiert er einen Aphorismus von Voltaire: „Ich teile Ihre Meinung nicht, ich werde aber bis zu meinem letzten Atemzug kämpfen, dass Sie Ihre Meinung frei äußern können.“

Vom Leben im Erdloch

Vom Abstrakten ins Konkrete verwandelt Katharina S. Eismann das Thema Folter: „Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden“, lautet der fünfte Artikel. Eismann (47) wuchs als Banater Schwäbin im rumänischen Temeswar auf. Mit 16 Jahren siedelte sie mit ihrer Familie in die Bundesrepublik. Was sich irritierend anhört, nennt die in Rumpenheim lebende Lyrikerin „gespaltene Verhältnisse“. Es sei ein Mitglied des gefürchteten Geheimdienstes Securitate gewesen, „der uns mit Empathie half, Rumänien zu verlassen“.

Vor dem Publikum liest Katharina S. Eismann von Erlebnissen ihres Vaters und ihrer Großeltern, dem Gebrüll der Polizei im Flur des Bauernhauses und deren Deportation im Jahre 1951, vom Leben im Erdloch und Ratten, die Vorräte fressen. Nach sechs Jahren durften die Deutschen die Arbeitslager in der Baragan-Steppe wieder verlassen. „Das Kapitel der Deportation verscharrte die Regierung hinter dem Eisernen Vorhang.“

Eigentlich war der Büsing-park als Bühne vorgesehen gewesen. „Zum Glück konnten wir ins Klingspormuseum ausweichen“, freute sich Sarah C. Baumann über das Angebot ihres Kooperationspartners angesichts des heftigen Regens am Wochenende. Schon lange habe sie die Idee gehegt, mit unterschiedlichsten Künstlern an einem Projekt zu arbeiten. „Dank der Kulturstiftung der Sparkasse Offenbach war es sogar möglich, diese auch zumindest ein bisschen zu bezahlen.“ Inhaltlich habe jeder seinen Raum bekommen, den er frei gestalten konnte.

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