Sammler beschenkt Klingspormuseum

Schätze im Aktenkoffer

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Sammler Hans Reichardt trennt sich für das Klingspormuseum gern von einigen seiner seltenen Stücke.

Offenbach - Wenn der Frankfurter Hans Reichardt mit seinem Aktenköfferchen nach Offenbach fährt, hat er stets etwas dabei. Vor zwei Jahren überließ der Sammler dem Klingspormuseum die Kartei des Vereins der Schriftgießereien. Von Markus Terharn

Seitdem hat er regelmäßig, fast monatlich, die Bestände des Hauses für Buch- und Schriftkunst mit Schenkungen bereichert.

Der 64-Jährige sammelt, was mit Buch, Schrift, Typen oder Einband zu tun hat. Und er sitzt an der Quelle: Reichardt arbeitet bei der Firma Linotype in Bad Homburg. Dieser Schriftvertrieb ist ein Nachfolger der Frankfurter Schriftgießerei D. Stempel, bei der er 1962 seine Lehre begonnen hat. Die wiederum war Nachfolgerin der Offenbacher Firma Klingspor. Da schließt sich der Kreis.

Entwicklung des Sonderzeichens Tilde

Aktuell freuen sich Museumsdirektor Dr. Stefan Soltek und Museumsbibliothekarin Stephanie Ehret-Pohl etwa über drei Nummern der Zeitschrift „Typo“ aus Prag. „Die zweisprachigen Artikel – tschechisch und englisch – wurden ausgewertet, so dass die interessantesten im Katalog recherchierbar sind“, erläutert Soltek. Darunter sind etwa Infos zur Entwicklung der Tilde (das Sonderzeichen in Wörtern wie España), Berichte zu Schriften, sogenannten Fonts, oder ein Überblick über slowakisches Typedesign.

Hilfreich ist „Centennial’s Type Identifyer“ (1986) bei der Bestimmung von Druckschriften. Im „Handbook of pictorial symbols“ (1976) lassen sich Piktogramme vergleichen. Und die Hefte der Leipziger Reihe „Grundsetzliches“ erläutern, woher die Schriften stammen.

Reichardt identifiziert klassische Typen mit bloßem Auge

Dabei ist Reichardt selbst ein lebendes Schriftlexikon. Klassische Typen kann er mit bloßem Auge identifizieren. „Nicht aufgrund eines einzigen Buchstabens, aber mithilfe charakteristischer Zeichen wie des kleinen a, g oder e“, sagt der Experte bescheiden. Erst im Computerzeitalter sei dieses übersichtliche Feld ins Uferlose gewachsen.

Da der Beruf des Schriftsetzers durch die technische Entwicklung quasi ausgestorben ist, geht Reichardt heute detektivisch vor: Im Internet, mit dem er sich seit 1995 befasst, fahndet er für die Linotype-Rechtsabteilung nach Dieben digitaler Schriften.

Gutenberg- und Klingspormuseum profitieren

In 51 Jahren (am 1. Juni geht er in Ruhestand) hat Reichardt oft erlebt, wie vermeintlich Veraltetes weggeworfen werden sollte. „Das muss man aufheben“, dachte er. Seit Ende seiner Ausbildung macht er das. Schwerpunkt sind Schriftmusterbücher und -hefte. Und da der Platz in seinem Domizil begrenzt ist, profitieren das Gutenbergmuseum in Mainz sowie das Klingspor.

Soltek ist voll des Lobes für Reichardts Engagement: „Er hilft uns gern bei Fragen zur Typografie. Und er hat für die Internetseite der Vereinigung der Freunde des Klingspormuseums 4915 PDFs von Schriftkünstlern erstellt, ehrenamtlich!“ Darunter sind Porträts, Lebensläufe, Informationen und Literaturangaben zu Künstlern aus Nepal oder Jemen, Australien oder Südamerika. Und es kommen ständig neue dazu. Über eine Gabe ist Soltek besonders glücklich: Es ist ein Logo jener Schriftgießerei, die dem Museum seinen Namen gegeben hat.

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