Kampf gegen Zerfall

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Direktor Stefan Soltek, Stephanie Ehret und Martina Weiß beugen sich über eine restaurierte Arbeit Rudolf Kochs.

Offenbach - Erz, Marmor, Pergament, Papier: Keine Frage, welches von diesen Materialien das anfälligste ist. Das Klingspormuseum lässt ständig Teile seiner bedeutenden Schriftkunstsammlung restaurieren. Von Markus Terharn

„Die Mittel sind gering, der Anspruch ist groß“, sagt Museumsleiter Dr. Stefan Soltek. Und die Bedingungen im linken Seitenflügel des Büsingpalais sind nicht ideal: „Temperatur und Luftfeuchtigkeit schwanken.“ Trotzdem gibt Soltek eine „Absichtserklärung“ ab: Nächstes Jahr soll der Klimaschutz verbessert werden. Geld steuert der Förderkreis bei, der für die Aufstockung des Baus gesammelt hatte und noch etwas übrig behalten hat.

5000 Stadt-Euro im Jahr kann Soltek für die Erhaltung ausgeben. Davon werden aktuell Werke zweier „Säulenheiliger“ restauriert: Rudolf Koch (1876-1934) und Rudo Spemann (1905-1947). Dessen Nachlass, etwa 1000 Blatt, befindet sich im Haus. So empfindlich und kostbar sind die Seiten, dass sie nicht dauerhaft präsentiert werden können. Jede Berührung mit der Hand birgt Gefahr. Da ist viel zu tun für Martina Noehles vom Mühlheimer Atelier Carta. Akribisch dokumentiert die Expertin den Zustand der Blätter vor ihren rettenden Eingriffen: Da ist die Rede von bräunlichen Verfärbungen, Rissen, Falten, Löchern. Das Papier wird trocken gereinigt, Schäden werden ausgebessert. Dann wird es in einem säurefreien Passepartout aufbewahrt.

Von der Überrestaurierung früherer Zeiten ist die Zunft abgerückt. „Deshalb sieht das Ergebnis auch nicht aus wie neu“, erläutert Soltek, der betont: „Das sind alles Unikate, keine Drucke!“ Da kann die Konservierung schnell 460 Euro pro Seite kosten. Ein Meisterwerk expressionistischer Schriftkunst, gefragt bei Liebhabern aus aller Welt, ist ein Großformat von Koch. Der Künstler schrieb den Text der Bergpredigt in Form eines Kreuzes nieder. Dieses Exponat erstrahlt jetzt in neuem Glanz. Fachbesucher mit einem berechtigten Interesse können es wieder in Augenschein nehmen.

Geld kommt auch von außen. So trägt der Hessische Museumsverband dazu bei, dass ein großes Konvolut mit Holzschnitten des belgischen Künstlers Frans Masereel (1889-1972) in die heilenden Hände der Restauratorin gegeben werden kann.

Für das „teuerste Projekt, das uns ins Haus steht“, kann das Klingspor auf Mittel der Kulturstiftung der Länder zurückgreifen. 7000 Euro soll es verschlingen, einen besonderen Schatz zu polieren, der seit 1963 im Besitz des Museums für Buch- und Schriftkunst ist: Es handelt sich um 25 Zeichnungen von Alfred Kubin (1877-1959), der als einer der bedeutendsten Illustratoren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt. Sie befassen sich mit dem biblischen Propheten Daniel, sind 1913 entstanden – und sollen zum 100. Geburtstag in ausstellungsfähigem Zustand sein. Dieses Projekt stellte die Kulturstiftung den Lesern ihres Magazins „Ars pro toto“ vor, die daraufhin mehr als 3700 Euro spendeten. Den Rest der Summe muss Soltek aus Eigenmitteln aufbringen.

Für die Ewigkeit sind die konservatorischen Bemühungen naturgemäß nicht ausgelegt. Zumal die Kunst immer weiter fortschreitet und stets neue Erkenntnisse gewinnt. Aber für ein paar Jahrzehnte dürften die fachgerecht behandelten, wertvollen Stücke gesichert sein.

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