Klingspor zeigt Doppelausstellung „Länderboten“ und „Wege zu Büchner“

Vielfalt abgebildet

+
Eine unverstellte Sprache sprechen Offenbachs Länderboten in der Büchner-Schau des Klingspormuseums.

Offenbach - Georg Büchners Flugblatt „Der Hessische Landbote“ wurde 1834 bei Carl Preller gedruckt. Der Aufruf „Friede den Hütten! Krieg den Palästen“ hallt nach in der Doppelausstellung „Länderboten“ und „Wege zu Büchner“ im Klingspormuseum. Von Reinhold Gries

Zur Eröffnung waren die Besucher begeistert von der ästhetisch ansprechenden „Länderboten“-Rauminstallation, die 111 Offenbacher verschiedener Nationalität im Posterformat in ihren Landesfarben porträtiert und mit deren bunt typografierten, gemixten Aussagen konfrontiert. Daneben spiegeln in Künstlerbüchern gegangene „Wege zu Büchner“ dessen frühdemokratische Botschaften zu Freiheit, Selbstbestimmung, Achtung und Respekt.

Dafür dankten Oberbürgermeister Horst Schneider, Britt Baumann vom Amt für Kulturmanagement und Museumsleiter Stefan Soltek den Künstlerinnen Anny und Sibel Öztürk, die sich mit HfG-Professor Heiner Blum und dessen Frau Helma in Interviews, Fotos und deren grafisch-malerischer Umwandlung am Computer mit dem Thema auseinandersetzten. Baumann: „Die farbenfrohen Plakatwände spiegeln die Stadtgesellschaft in all ihren Verästelungen.“ Schneider: „Da wird die ganze Vielfalt unserer Stadt abgebildet, da endet Offenbachs ereignisreiches Büchner-Jahr in besonders schöner Weise“. Soltek: „An diesem Projekt ist mit viel Energie und Präzision gearbeitet worden bei der vorbildlichen Kombination des Bildlichen und Schriftlichen. Die Gesichter passen zu den Texten, die deren zweites Gesicht zeigen.“ Das Projekt soll weitergehen, bis alle 154 in Offenbach vertretenen Nationen präsent sind.

Angetan zeigten sich die Betrachter der frischen, poppigen Porträts von gelungenen Farben- und Formenspielen sowie dem Wiedererkennungswert. So hatte die stellvertretende Stadtverordnetenvorsteherin Grete Steiner als ehemalige Lehrerin keine Mühe, Ex-Schüler zu identifizieren. Andere erkannte das Publikum: Fotokünstler René Spalek von der Eisfabrik, Malerin Michelle Concepción vom Ausstellungshaus B 71 und Vater Öztürk. Die offenen Gesichter ließen an Büchners Satz denken: „Ich begreife nicht, warum die Leute nicht auf der Gasse stehen bleiben und einander ins Gesicht lachen.“

Nacht der Museen in Offenbach

Nacht der Museen in Offenbach

Der Südhesse wäre beim Anblick dieser Länderboten ebenso überrascht wie über die unverstellte Sprache von heute, der er sich schon zur Biedermeierzeit näherte. Kunstvoll gedruckte Zitate verkörpern Offenbach pur: „Wenn man sich wie ein Arschloch verhält, hat man bald keine Freunde mehr.“ „Sein, was man will.“ „Am Ende verkaufst du doch deine Ideale.“ „Ich nehme das Gute und das Schlechte und mache das Beste daraus.“ „Wer mich beleidigt, bestimme ich.“

Soltek dankte den Buchkünstlern Barbara Fahrner und Robert Schwarz, deren Büchner-Metamorphosen im Dachgeschoss ausgebreitet sind: „Schauen Sie sich die Lenz-Novelle an, durch Fahrners experimentelle Oulipo-Manier zur Novelle ,Leuchte’ geworden! Oder Schwarz’ großartiges Mal- und Kopierbuch zum ,Woyzeck’! Und betrachten Sie die Gesichter – oder die Künstler! Alle sind in produktiver Weise auf der Suche nach sich selbst.“

Wie Fahrner „Lenz“-Substantive „durch das jeweils fünftfolgende Substantiv im Wörterbuch“ ersetzt, öffnet neue Welten für handgeschriebene Texte, Registraturen, Monotypien und Tuschzeichnungen. Wie Schwarz seine „Woyzeck“-Kopie ummalt und in Papieren schichtet oder Büchner-Assoziationen mit seinen Söhnen Severin und Tilmann Schwarz in Videos verwandelt, steht für die Epidermis, die aus solchen Projekten wächst. Da geht es nicht um idealisierende Kunst. Sondern um reale Botschaften, die in die Gesellschaft hineinwirken.

„Länderboten“, „Wege zu Büchner“ im Klingspormuseum (Herrnstraße 80). Geöffnet bis 2. März 2014 Dienstag, Donnerstag und Freitag 10 bis 17, Mittwoch 14 bis 19, Samstag/Sonntag 11 bis 16 Uhr

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare