Auf der Suche nach Identität

Klingspormuseum zeigt Einzigartiges aus der Tattoo-, Textil- und Buchkunst

Alexander Reinke hat die Tätowierkunst in Japan studiert. Fotos: Gries
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Alexander Reinke hat die Tätowierkunst in Japan studiert. Fotos: Gries

Spektakulär und feinstofflich zugleich wirkt die neue Ausstellung „Bedeckt, unbedeckt“ im Klingspormuseum, die der Frage nachgeht, was Kleidung und Tätowierungen für die menschliche Identität bedeuten.

Offenbach - Dabei sind mit Tattoo-Meister Alexander „Horikitsune“ Reinke, Performerin Carola Willbrand und Konzeptkünstlerin Sandra Heinz singuläre Künstler vertreteten. Zu verdanken ist die Schau den Kuratorinnen Dorothee Ader und Martina Weiß.

Schon die Vita des 1974 im Sauerland geborenen Chirurgensohns Reinke ist spannend: Lange ging er in Japan bei Tätowierlegende Horiyoshi III in Yokohama in die Lehre, bevor er in London und dann im Atelier seines neuen Wohnortes Nierstein als „Schnitzender Fuchs“ von sich reden machte. Großfotos von Körperschmuck-Modellen illustrieren Reinkes Meisterschaft ebenso wie das von einem buddhistischen Drachen präsentierte Tätowierbesteck, mit dem er seiner Kundschaft in ganz eigenem „Irezumi“-Stil unter die Haut geht - bis hin zu ganzkörperlichen „Bodysuits“. Dazu hat Reinke Stücke seiner Japan-Sammlung mitgebracht: eine metallglänzende Buddha-Statue, Äxte tätowierter Feuerwehrmänner, eine martialische Samurai-Rüstung, farbige Holzschnitte, silberne Koi-Fische, Zeremonialmasken, Tempelschnitzerei und Filmplakate aus den 60er Jahren mit tätowierten Hauptdarstellerinnen.

Auch das Studium von Reinkes Büchern über Hintergründe japanischer Tattoo-Kunst nötigt Respekt vor der Tradition ab, die in Japan freilich zwiegespaltene Aufmerksamkeit erregt. Wo Tattoos 1898 für lange Zeit verboten wurden, werden Irezumis auch als Zugehörigkeitssymbole zu Verbrecherbanden gesehen. Reinke holt die alte Kunst seit 25 Jahren aus dem Untergrund und demonstriert in gestochen scharfer Ornamentik und exotischen Motiven aus chinesischen Märchen, übersinnlicher Sagenwelt oder asiatischer Tier- und Pflanzenmythik, dass dieser lebenslange Körperschmuck kein Verbrechen ist, sondern Kunst, die Hingabe erfordert.

Magie haben auch expressive, surreale Masken und Kopfskulpturen der Kölner Nähvirtuosin Carola Willbrand, die auch viel in der Welt herumgekommen ist. Vorbild war ihre Tante, die dem Rheinischen Expressionismus nahe stand. Willbrand versteht es, bei oft hauchzarten textilen Buchobjekten, Vernähungen, Installationen und Raumskulpturen kreativ mit Farben und Drucktechniken umzugehen. Auch sie ist eine Meisterin der Nadel, mit der sie feine Linien, Konturen und Strukturen näht, oft mit einer normalen elektrischen Nähmaschine. „Ich nähe, also bin ich“, sagt die Künstlerin.

Carola Willbrand fertigt unter anderem Masken aus getragenen Kleidungsstücken an.

Mit traumwandlerischer Sicherheit und Intuition schafft sie singuläre Werke: eine übermalte und übernähte, tausendfach durchlöcherte Hängeinstallation aus den letzten digitalen Lochkarten der Krefelder Textilindustrie von 1991; eine weiße Rauminstallation aus selbstgeschöpften Papiermedaillons und genähten Porträtzeichnungen als „Schutzmantel für die Künstlerin“; einen Käfig mit genähten Textil-Büchern wie „Erinnerung hellblau“ oder ironische, knallbunte Textilschöpfungen wie „Schöne Mode für die Arbeitswelt der Künstlerin“, die Willbrand schützen will. Großartig auch ihre Masken aus getragenen Kleidungsstücken, Pigment und Kunstharzleim, die Willbrands Lebensweg begleiten, bei dem Erinnerungsarbeit in aufgenähten Texten eine große Rolle spielt.

Dritte im Bunde ist die Mainzerin Sandra Heinz (geb. 1962), die nicht mit starken Farben spielt.

Ihr Thema sind „Schattierungen von Weiß“. Diese prägen auch die Rauminstallation, bei der viele von Privatpersonen gespendete weiße Kleidungsstücke auf Präsentiertischen ausgebreitet sind. Mit welchen Situationen und Schicksalen die Stücke verbunden sind – als Kostüm für die Abiturfeier, als Kommunionkleid, Arztkittel oder weißes Hochzeits-Jackett – veranschaulichen fein nuancierte Schwarz-Weiß-Fotoprints und Texte.

Getragene Kleidungsstücke verwendet Heinz auch für großformatige Materialdrucke und Künstlerbücher, in die sie Diverses einnäht. Souverän verfügt sie dabei über Techniken des Scannens, Bemalens, Bestickens, Druckens oder Nähens, die den Weg zu Persönlichem, Privatem und Gesellschaftlichem ebnen. Ein großes Stoffbuch mit Unikatdrucken und rot gefärbten Gaze-Kleider mit aufgeschriebenen Verboten, die Taliban-Frauen auferlegt wurden, beschreiben die große Spannweite ihrer Kunst. Äußerst sehenswert ist das alles, zu dem Simon Malz ein Video ins Internet stellen wird.

Die Ausstellung „Bedeckt, unbedeckt - Körper und Identität“ ist bis Donnerstag, 13. August, im Klingspormuseum in der Herrnstraße 84 zu sehen. Virtuelle Eröffnung ist morgen Abend um 19 Uhr.

Infos im Internet

klingspor-museum.de

Von Reinhold Gries

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