Klinik-Altbau: Im zum Leben Verdammten

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Rainer Schubnell

Offenbach - Wer Rainer Schubnell trifft, kommt nicht umhin, die eine oder andere Gemeinsamkeit zwischen ihm und einem Arzt festzustellen. Die ausgeprägte Ignoranz für das Schmerzpotenzial einer Nadel beispielsweise. Von Marcus Reinsch

Der Mann ist ein Gemälde, so gut wie jeder sichtbare Fleck seines Körpers ist tätowiert. Dass er in Offenbachs städtischem Klinikum allerdings auch für die Befolgung der nobelsten aller Mediziner-Maximen zuständig sein würde, war nicht zu erwarten gewesen. Ganz so, wie es die im hippokratischen Eid gründende ärztliche Ethik von seinen promovierten Krankenhaus-Kollegen verlangt, ist es Schubnells Mission und die seiner Mitstreiter der Abteilung Haustechnik geworden, sich auf nun wieder unbestimmte Zeit um einen Schwerstkranken zu sorgen - den zum Leben verdammten Altbau des Offenbacher Klinikums.

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Dessen Tod war eigentlich schon beschlossene Sache gewesen. Bald nach dem Bilderbuch-Umzug des Krankenhausbetriebs in den Neubau im Sommer vergangenen Jahres sollte das marode Haus Z, das Zentralhochhaus, abgerissen werden. Sollte Platz schaffen für die „Tommyhall“. Dass der Klotz nun erstmal stehenbleibt, ist dem anhaltenden finanziellen Siechtum der Klinik GmbH geschuldet. 42 Millionen Defizit in diesem Jahr, 220 Millionen Euro Alt-Miese, die 160 Millionen für den Neubau, 300 Stellenstreichungen angekündigt, erneuter „freiwilliger“ Gehaltsverzicht wahrscheinlich. Da sind die für die Altbau-Sterbehilfe veranschlagten 8 Millionen Euro einfach nicht drin.

Bilder vom Innenleben des Altbaus

Klinik-Altbau zum Leben verdammt

Die Klinik ist das Griechenland Offenbachs - und sogar noch schlechter dran. Ein Staat kann ja nicht Pleite machen, nicht final jedenfalls. Ein privatwirtschaftlich aufgestellter kommunaler Gesundheitskonzern aber schon. Nur, dass nach Offenbach am bitteren Ende kein Konkursverwalter käme, sondern irgendein auf Rendite getrimmtes Privatunternehmen, das die bisher immer wieder mit städtischen Geldspritzen aufgepäppelte Klinik kaufen und den hehren, teuren Anspruch auf die medizinische Vollversorgung der Bevölkerung abwerfen könnte wie unnützen Ballast.

Aber die unklare Zukunft des Krankenhauses rückt in den Hintergrund, wenn man mit Rainer Schubnell und Marion Band, der Marketingfrau der Klinik GmbH, dessen Vergangenheit durchstreift. Draußen, vor einer Seitentür am breiten Fuß des Altbaus, fischt der Haustechniker ein unscheinbares Stück Metall aus der Tasche. Der Generalschlüssel. Früher, sagt Schubnell, habe er mit dem tatsächlich jedes Schloss hier geöffnet. Jetzt, beim Rundgang durch den Altbau, muss er allerdings häufiger wechseln.

Wer Aufzug fahren muss, braucht einen Extra-Schlüssel

Die Aufzüge - viele Jahre lang mehr als launisch, stete Anlässe für großen Ärger von Patienten und Besuchern und letztes Jahr die größten Angstgegner der Umzugslogistiker - funktionieren nicht. Mittlerweile ist das allerdings so gewollt. Wer fahren muss, braucht einen Extra-Schlüssel. Ein Diebstahlschutz, gegen den jede noch so scharfe Alarmanlage alt aussähe. Welcher Dieb schleppt Beute schon zwei, drei Dutzend Treppen runter? Und viel zu holen, man muss das ehrlich sagen, wäre sowieso nicht. Nicht mehr.

14. Stock, ganz oben, das ehemalige Reich der Gynökologen, darüber kommen nur noch drei Technikgeschosse. Kurzer Blick in ein Bad. Kloschüssel: alt, aber vorhanden. Waschbecken: vorhanden. Armaturen: „Geklaut“, vermutet Schubnell. „Wir haben sie jedenfalls nicht abgeschraubt.“

Erwischt wurde niemand. Er selbst, erzählt der Techniker, habe nur einmal unten im Wirtschaftshof einen Betriebsfremden überrascht und ihm mitgeteilt, dass er doch lieber sich statt die Kästen mit den Wasserflaschen wegschleppen solle. Aber vor allem in den Tagen nach dem Umzug, als das Hochhaus noch nicht abgeriegelt war und jeder alles unbehelligt wegschleppen konnte, solange er wenigstens annähernd wie ein Krankenhausbediensteter guckte, hat wohl manches Beine bekommen. Nicht das teure medizinische Gerät zum Glück, das wurde unter den strengen Blicken der Doktoren regelrecht hinüber in die Krankenhaus-Moderne eskortiert. Aber eben Dinge, in die man einen Restwert interpretieren kann. Metalle vor allem.

Es scheint, als flüstern und ächzen und murmeln die Mauern und Balken

Vieles davon wurde wohl nicht mal vermisst. Einem Stück allerdings trauert Marion Band bis heute hinterher. Unten im Eingangsbereich hatte ihre Abteilung eine riesige, auf eine Platte aufgezogene Computergrafik vom neuen Klinikum an einer der Glasfronten befestigt. Die Darstellung diente als Verheißung für Besucher und Bedienstete, sie verschaffte auch zusätzlichen Überblick, als nach mehreren Terminverschiebungen tatsächlich der Tag des Umzugs kam. Aber sie gefiel eben auch einem bis heute Unbekannten offenbar so gut, dass die Klebestreifen zwar noch da waren, als Marion Band am Tag danach zum Abhängen kam, das Bild aber nicht.

Für die Aufklärung des Falls wäre es praktisch, wenn das Haus tatsächlich sprechen könnte statt nur den Eindruck zu machen. Es scheint, als flüstern und ächzen und murmeln die Mauern und Balken, die Stahlträger und Putzschichten des Betonkolosses für jene, die diese Flure durchwandern. Als hätten sie lange keine Zuhörer gehabt außer den Leuten von Sicherheitsdienst, die hier Streife laufen.

Dass man in diesen verlassenen Fluren und Zimmern sogar am hellichten Tag eine Gänsehaut bekommt, muss an den persönlichen, guten und schlechten, nastalgiegeladenen oder gruseligen Erinnerungen liegen, mit denen jeder Besucher die nun dank all der alten Betten zwar nicht völlig leeren, aber stillen Flure und Räume füllt.

Ab und zu sprudelte einfach Wasser aus der Wand

An der Temperatur liegt’s jedenfalls nicht. In den Katakomben des Hochhauses läuft die gigantische Heizungsanlage zumindest auf Sparflamme weiter; die Leitungen in den Mauern dürfen nicht einfrieren. Der Altbau muss noch durchhalten, da wären weitere Überschwemmungen nach weiteren Wasserrohrbrüchen mehr als schlecht. Und dass vor allem die Innereien des Klinik-Baukörpers ihre besten Jahre hinter sich haben, haben sie schon allzu eindrucksvoll zu Zeiten bewiesen, als der Betrieb noch lief. Ab und zu sprudelte einfach Wasser aus der Wand. In einen Flur, in ein Bad, einmal in einen Operationssaal.

Wieder ganz oben, auf der Gynäkologischen: Das elektrische Licht der Welt, das hier Tausende aus Offenbach und seinem Drumherum erblickten, hat jemand mit den Deckenplatten abmontiert. In Zimmer 1424, dem Neugeborenenraum, dankt „Tim Frederick, * 17.12.2007“ von einem angegilbten Foto dem ebenfalls zurückgelassenen Gestell eines Babybetts für „liebevolle Betreuung“. Im Türrahmen hängt noch der letzte Putzplan, nebenan lässt ein Loch in der Wand vermuten, dass hier mal Kupferkabel verlegt waren.

Ein Loch klafft, kopfgroß und ausgefranst, mitten in der Holztür

Und einen Stock tiefer, bis vergangenes Jahr ebenfalls Hoheitsgebiet der gynäkologischen Abteilung, gibt es auch ein Loch. Eins, aus dem nun wirklich niemand wertvolle Rohstoffe holen konnte. Es klafft, kopfgroß und ausgefranst, mitten in der Holztür zum Krankenzimmer 1330. Dickschädel auf Abwegen? Polizeiramme! Eine Truppe der Ordnungsmacht trainierte hier im August. Was genau, ist unbekannt. Aber Verkehrskontrollen waren es nicht, so viel lässt sich aus den Spuren an Interieur und Mobiliar lesen.

Und überhaupt: Ein verlassenes Gebäude übt offensichtlich große Anziehungskraft auf alle aus, die viel Platz, aber erstmal keine Augenzeugen gebrauchen können. Nicht lange her, da produzierte der Hessische Rundfunk auf der früher für die Mediclin-Reha-Station reservierten und noch ziemlich intakten zwölften Etage mit großem Aufwand Szenen für einen Tatort. Das ZDF fragte auch an, borgte sich dann allerdings nur ein paar Möbel für die Produktion einer „Ein Fall für Zwei“-Folge.

Kulissenvermietung für TV-Teams ist einträglich

DieKlinikum GmbH, sagt Marion Band, bekommt für ihren Personal- und sonstigen Aufwand etwas Geld, wenn sich beispielsweise TV-Teams im Altbau oder - wie die „Tatort“-Leute - vorübergehend in der Pathologie des Neubaus einrichten. Kulissenvermietung ist zwar kein Geschäftsmodell, das die Konzernbilanz über den Berg bringen oder auch nur spürbar verändern könnte. Aber sie ist immerhin so einträglich, dass ein Nein Verschwendung wäre.

Und so, wie es momentan aussieht, wird das alte Stadtkrankenhaus den Fernsehmachern noch recht lange als Drehort erhalten bleiben. Wahrscheinlich Jahre. Außer dem Innenleben des Gemäuers gilt zwar auch seine Substanz selbst als nicht mehr so toll. Aber selbst, wenn der Abriss nicht zu teuer wäre, könnten Rainer Schabnell und seine Kollegen wiederum aus dem hippokratischen Eid einen konkreten Auftrag zur unbedingten Verschonung des Altbaus ableiten. Mit der betreffenden Zeile meinte der Verfasser des Schwurs zwar Nieren-, Gallen- und Blasenkranke. Doch in die Offenbacher Neuzeit übertragen könnten sich auch Haustechniker darauf berufen: „Ich werde nicht schneiden, sogar Steinleidende nicht.“

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