In der Klinik sind die Engel grün

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Marianne Faller auf Station: Der „grüne Engel“ bringt einer Patientin Zeitungen und einen heißen Kaffee – und hat immer auch Zeit für ein Gespräch. 

Offenbach - An eine Tür zu klopfen, hinter der ein kranker Mensch liegt, fällt oft schwer. Tief holt man Atem, setzt ein Lächeln in das besorgte Gesicht und schiebt Ängste und Befürchtungen beiseite. Doch es gibt auch Spezialisten auf diesem Gebiet. Von Katharina Skalli

Menschen, die regelmäßig solche Türen öffnen. So wie die „grünen Damen“ des Klinikums Offenbach, die ehrenamtlich Patienten besuchen, die dies wünschen.

Marianne Faller, Günter Barnickel, Bärbel Reuter und Waldtraut Schneider haben das geschäftige Treiben des Klinikbetriebs vor der Tür der Kapelle zurückgelassen. In dem kleinen Andachtsraum über dem Empfangsbereich des Krankenhauses erzählen sie von ihrem Ehrenamt. An den mintgrünen Kitteln sind ihre Namensschilder geknipst. Alle vier sind seit neun oder zehn Jahren dabei.

Die Wege durch die Klinik, das Klopfen an den Patientenzimmern und das Zuhören gehört zu ihrem Alltag. „Nach meiner Pensionierung habe ich etwas gesucht, womit ich helfen kann“, erzählt Günter Barnickel. Er ist der einzige Herr unter den Damen. Einen Kittel trägt er nicht, dafür aber eine förstergrüne Krawatte. Als er sich bei Pfarrerin Britta Schütz meldete, war er sich nicht sicher, ob er der neuen Aufgabe gewachsen war. „Aber ich wollte es versuchen“, sagt er. Heute macht ihm das „Grüne-Dame-sein“ viel Freude. „So lange ich körperlich und geistig gesund bin, gehe ich hier nicht raus“, sagt er bestimmt und lächelt. Seinen Mitstreiterinnen geht es ähnlich. „Man bekommt so viel zurück“, sagt Marianne Faller. Die 62-Jährige lag vor zehn Jahren selbst als Patientin in der Klinik. Sobald es ihr besser ging, besuchte sie Mitpatienten und merkte, wie sehr diese sich über die unverhoffte Gesellschaft freuten. Als sie kurze Zeit später in unserer Zeitung las, dass „grünen Damen“ gesucht werden, meldete sie sich – und ist bis heute geblieben.

Mit einem Vorbereitungsseminar wurden die 37 Damen und Günter Barnickel auf die „Herausforderung Patientenbesuch“ vorbereitet. Auf dem Stundenplan standen die Grundelemente der Gesprächsführung, Themen wie Nähe, Distanz, Angst und Krankheit, aber auch die Strukturen des Klinikums Offenbach. „Die Ehrenamtlichen werden sensibilisiert und auf das, was sie erwartet, vorbereitet“, erklärt Britta Schütz. Regelmäßig treffen sich die Seelsorgerin und ihre Schützlinge zum Gespräch.

Seit 1998 existiert dieser besondere Service am Klinikum, der von der Seelsorge und der Pflegedienstdirektion ins Leben gerufen wurde. Mittlerweile ist das Konzept bekannt und erhielt 2003 den Ferdinand-Kallab-Preis.

Täglich treffen die Damen auf unterschiedliche Lebensgeschichten. „Es kommen Menschen ins Krankenhaus, die niemanden haben, der ihre Tasche packt“, sagt Marianne Faller. Auch immer mehr Jüngere seien alleine. Sich Unbekannten vorstellen, erst einmal fremd sein und sich anbieten – das ist vielen anfangs nicht leicht gefallen. Heute ist es schöne Routine.

Jede grüne Dame hat ihre Stammstation. Marianne Faller kommt jeden Donnerstag, schlüpft in ihren grünen Kittel, hört den Anrufbeantworter ab und macht sich dann auf den Weg zur Station 5A. Hier liegen Patienten mit neurologischen Erkrankungen, doch eigentlich interessiert sich die Offenbacherin nicht für die Krankenakte. Sie hat nur Augen für den Menschen, der unter der Decke liegt und sie neugierig anblickt, wenn sie das Zimmer betritt. Oft hat sie Dinge dabei, die Patienten per Anruf bestellt haben. Eine Zeitung, Kekse oder Obst.

Günter Barnickels Tag beginnt bereits um 9 Uhr morgens. Dann ist er unterwegs auf den Fluren von Station 4A. „Ich klopfe an jede Tür und frage die Patienten, ob sie die grünen Damen kennen“, erzählt er. „Dann sage ich, dass ich der einzige Herr in der Gruppe bin, und schon ist das Eis gebrochen.“ Bärbel Reuter geht ähnlich vor. Manchmal sitzt sie bis zu 45 Minuten am Bett einer Patientin und hört zu. „Dann sprudelt es so richtig aus den Älteren heraus. Sie erzählen vom Krieg, von ihren Familien und über das alte Offenbach.“ Nur die Namen der Patienten merkt sie sich nicht.

Das ist ihre Art, sich zu schützen. „Ich will nicht irgendwann die Namen bei den Todesanzeigen lesen.“ Wenn die Themen schwierig werden, holen sich die Besucherinnen Unterstützung bei Pfarrerin Schütz. Die Seelsorgerin ist ständige Ansprechpartnerin für die ehrenamtlichen Mitarbeiter. Viel Trauriges hat das Team aber nicht zu berichten. „Die Menschen die wir besuchen, sind voller Hoffnung, gesund zu werden und freuen sich auf uns“, sagt Marianne Faller. Nur ein einziges Mal hat ein Patient Günter Barnickel ein wenig schroff hinaus gebeten. Das ist ein guter Schnitt, findet der Bieberer.

Die Angehörigen sind dankbar und die Krankenschwestern fühlen sich entlastet, weil die regelmäßigen Besucher ihnen Botengänge abnehmen. Die Truppe um Britta Schütz ist gut besetzt und dennoch: „Drei oder vier Helfer könnten wir noch gebrauchen“, sagt die Pfarrerin.

Kontakt: Tel.: 069 84053021

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